Zeitgeschehen


Rezension zu

Ruth Pfau: Das Herz hat seine Gründe. Mein Weg
(Herder Freiburg 2003. 240 Seiten)

 

Über die Autorin:

Die Ordensfrau und Ärztin Ruth Pfau (* 1929) war 1960 auf dem Weg nach Indien, um dort zu leben und zu arbeiten. Ein Zwischenstopp in Pakistan veränderte ihre Pläne und ihr Leben. In Karachi begegnete sie in einem Lepraghetto zum ersten Mal den "Aussätzigen", denen sie fortan geholfen hat. In Pakistan gibt es kein Gesundheitssystem und die hohe Armut ermöglicht es vielen Menschen nicht, die Solidarität zu leben, welche den Leprakranken helfen könnte. Deshalb hilft Ruth Pfau und bildet Menschen aus, ihr bei der Arbeit zu helfen. Sie und ihr Team, das aus einheimischen Männern und Frauen - Muslime, Christen und Hindus - besteht, versorgen die kranken und behinderten Menschen, die oft immer noch als "Ausgestoßene" gelten, mit medizinischer Hilfe, aber vor allem begegnen sie den Menschen in Liebe. Es gilt immer wieder nicht nur die Krankheit zu bekämpfen, sondern auch die soziale Not zu lindern. Den Menschen und ihren Familien beim Überleben zu helfen. Sei es mit Nahrung, mit Kleidung, Geld für eine berufliche Existenzgründung oder Arbeit. Immer geht es um Hilfe zur Selbsthilfe. Weitere Ziele sind Bildung und die rechtliche Gleichstellung der Kranken und Behinderten. Außerdem liegt Ruth Pfau die Gleichstellung von Frauen am Herzen. Die Akzeptanz der Menschenwürde und der Menschenrechte aller Menschen zu fördern, ist eines ihrer wichtigsten Ziele. 1979 wurde sie, obwohl sie Deutsche und katholische Ordensfrau ist, zur "Nationalen Beraterin für das Lepra und TB-Kontrollprogramm" und Staatssekretärin der Regierung für ganz Pakistan ernannt. Außer in Pakistan arbeitet Ruth Pfau seit 1981 auch in Afghanistan für den Aufbau eines Gesundheitssystems. Viele Afghanen kamen und kommen als Flüchtlinge nach Pakistan und finden beim Team von Ruth Pfau Unterstützung und Zuspruch.
Ruth Pfau hat viel für die Bekämpfung von Lepra geleistet und wird nicht müde, weiter zu machen.

 

Über das Buch:
Das Buch ist eine autobiographische Schilderung des Lebens der über siebzigjährigen Frau. (Es behandelt nicht das ganze Leben. Es sind vorher schon andere autobiographische Schilderungen erschienen.) Zum einen berichtet das Buch von ihren konkreten Begegnungen und Erlebnissen in Pakistan und Afghanistan. Das alltägliche Leben der dort lebenden Menschen mit all ihren Nöten und Freuden wird deutlich. Zum anderen zeigt Ruth Pfau ihre Beweggründe auf und berichtet über ihre Erfahrungen mit Gott und seiner Schöpfung. Diese beiden Aspekte sind nicht zu trennen, denn sie lebt, was sie glaubt. Sie kann lieben, weil sie sich geliebt weiß.
Das Leben in Pakistan ist bestimmt von Terror, Gewalt und Armut. Bei ihrem Kampf gegen Terror und Armut sind ihr Vorurteile zu wider. Auch wenn Pakistan eher durch seine Atombombenpläne in den Medien erscheint, ist es eine Krisenregion, in der Hilfe dringend nötig ist. Ihre Arbeit ist sehr mühsam und sie freut sich über jeden noch so kleinen Erfolg. In ihrem Buch sind es vor allem die kleinen alltäglichen Begebenheiten und "Wunder", die mich sehr angesprochen haben.
Die menschliche Seite von Ruth Pfau wird deutlich in der Beschreibung ihrer Hoffnung und ihres Glaubens, aber auch ihrer Zweifel und Ängste, die sie nicht davon abhalten, sich den unglaublichen Herausforderungen zu stellen. Wut empfindet sie z. B. über Verschwendung und mangelndes Bewußtsein vieler Bewohner in westlichen Ländern, wie gut es ihnen eigentlich geht.
In ihrem Buch geht es nicht um eine theologisch-wissenschaftliche Beschäftigung mit der Frage nach dem Leid. Sie versucht vielmehr lebenspraktische Antworten zu finden. Auch ohne endgültige und befriedigende Antworten bieten zu können, ermutigt sie sich und Andere zum Aushalten und Weitermachen. Wie ihre Antwortversuche aus dem Leben und für das Leben sind, gestaltet sie auch ihren Dialog mit den Anhängern anderer Religionen. Als Christin gehört sie zu einer Minderheit unter Moslems und Hindus. Menschen anderer Religionen kennen zu lernen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ermöglicht es ihr mehr über die Länder, in denen sie lebt und arbeitet, zu erfahren. Afghanistan und Pakistan sind ohne ihre Religion nur schwer zu begreifen.

 

 

 

 

 

Dieses aktuelle Buch enthält auch ein wichtiges Kapitel über Afghanistan ("Terror und Tschador - Frauen in einem muslimischen Land"). Sie berichtet z. B. von Massenvergewaltigungen und anderen Menschenrechtsverletzungen. Die Sichtweise der Medien hält sie z. T. für zu oberflächlich. Z. B. greift die Diskussion um die Burka zu kurz, da so nur ein Symptom für das System angesprochen wird. Ihre hervorragende Landeskenntnis und ihr Kontakt mit den Bewohner verhelfen ihr zu einem differenzierten Bild über Land und Leute. So betont sie z. B., daß in Zentralafghanistan Frauen nie eine Burka getragen haben, weil es dort nicht Sitte war und sie keine besaßen. Die mediale Berichterstattung sollte man also kritisch nach Klischees befragen. Außerdem lenken die Berichte z. T. von den dringendsten Problemen, die nicht erwähnt werden, ab..
Der letzte Teil des Buches ist geprägt von ihrer Erfahrung des Älter-Werdens. Auch in ihrem Alter kann sie aber noch helfen und weiß sich gebraucht. Sie ist dankbar für die vielen Erfahrungen die sie gemacht hat.

Ruth Pfau ist eine faszinierende Persönlichkeit, die ein beeindruckendes Buch geschrieben hat. Das Buch zeigt vor allem, daß sie keine weltfremde "Spinnerin" ist, sondern sich ganz fortschrittlich und alltagstauglich mit Kommunikationsmöglichkeiten wie z. B. Email auskennt und den medizinischen Fortschritt im Auge behält etc.
Ihr Buch will nicht nur Werbung für Spenden sein, sondern wachrütteln und zur Bewußtseinsänderung beitragen.
Ein wichtiges Buch, da die Krisen und Kriege im Irak und Iran etc. Pakistan und Afghanistan aus den Medien verdrängen. Aber alle diese Länder brauchen unsere Aufmerksamkeit und Hilfe, auch und gerade dann, wenn sie nicht täglich in den Medien zu finden sind.

Jüdith Göd

 

Judith Göd studiert katholische Theologie in Bonn

 

 

 

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