Praktikum in Brüssel


 

Begehrter Job in Bayerns Enklave

Eine Tölzerin als Praktikantin bei einem Europaabgeordneten

 

Bad Tölz/Brüssel/Straßburg - "Büro Radwan, Nißl, Grüß Gott!" Brüssel. Europäisches Parlament. Wo war mein Selbstbewusstsein an diesem Montagmorgen abgeblieben, an meinem ersten Tag als Praktikantin beim Europa-Abgeordneten Alexander Radwan? William Nero von der Europäischen Kommission hatte es mit seiner telefonischen Anfrage nach einem Positionspapier kurzzeitig zu Staub zerfallen lassen. Als Neuling konnte ich ihm natürlich nicht weiterhelfen. Alles halb so wild - im kalten Wasser zu schwimmen hat noch keinem geschadet und nach ein paar Tagen weiß man, wie der Hase läuft.

Nicht, dass allein diese vier Wochen Praktikum aufregend waren. Das Abenteuer und die Vorarbeit beginnen schon Monate vorher: dicke Bewerbungsmappen erstellen, in denen, wie bei einer Bewerbung um eine "richtige" Stelle, Lebenslauf, Immatrikulationsbescheinigung, Zeugnisse und natürlich ein originelles Anschreiben nicht fehlen dürfen. Und dann heißt es erst einmal warten. Warten auf eine Zusage für einen der heiß begehrten Plätze, um die sich jährlich hunderte Studenten aus ganz Europa bewerben. Die allermeisten vergeblich. Kein Wunder, die Anforderungen sind nicht ohne: Studium, Fremdsprachenkenntnisse und praktische Erfahrungen, wenn auch der Fachbereich eher zweitrangig ist. Wer weder Englisch noch Französisch beherrscht, der kann den Traum von einem Job bei der EU gleich an den Nagel hängen: Verhandlungen, Telefonate und der Schriftverkehr zwischen den Europäischen Institutionen sind ohne Kenntnisse dieser Sprachen nicht denkbar.


Heimweh überkommt mich trotz all dieser neuen Eindrücke aber nicht. 15. Stock, Gebäude Altiero Spinelli. Da gibt es eine kleine bayerische Enklave. Plakate mit dampfenden Weißwürsten, Leberkäse und einer frischen Maß lachen mir entgegen. Manche Abgeordnete werben mit Hochglanzbildern ihrer Heimatregionen. Recht locker und freundschaftlich ist auch der Umgangston zwischen Abgeordneten und ihren Mitarbeitern. Das förmliche "Sie" ist eher die Ausnahme. Überrascht hat mich, dass die Mehrheit der Angestellten im Europäischen Parlament in ihren kurzen Mittagspausen trotz dieser Offenheit lieber unter sich bleibt. Deutsche gehen mit Deutsche essen, Franzosen mit Franzosen. Ob das trotz aller Kontakte doch noch an einer Sprachbarriere liegt?


Innerhalb Brüssels wirkt das Europäische Parlament wie eine eigene kleine Welt. Habe ich die Lichtschranken und strengen Ausweiskontrollen hinter mir gelassen, schlendere ich an den Andenkenläden, Friseursalons, Banken und am Restaurant vorbei. Doch wo sind die vielen Menschen, die tagein tagaus in ihren Büros werkeln? Von außen wirkt das Europäische Parlament wuchtig und erhaben, innen ist es dagegen luftig und lässt die Menschenmassen verschwinden.

 

Hier treffen sich die Nationen

Sandra Nißl war vier Wochen als Praktikantin in Brüssel bei der EU


"Wo haben Sie Ihren Passierschein, Madame?" fragt mich ein Polizist. Sein Französisch klingt verbindlich, sein Blick dagegen ist streng und unnachgiebig. Natürlich habe ich meinen Passierschein dabei, stecke ihn mir hastig an die Bluse und mache, dass ich davon komme.


Das Europäische Parlament ist die einzige Institution der Europäischen Union, die öffentlich tagt und berät. Das lasse ich mir als Besucherin natürlich nicht entgehen. Wer weiß, wann ich einmal wieder bei einer Arbeitsgruppen-, einer Plenarsitzung oder bei einem Ausschuss zuhören kann? Die Vielfalt an Sitzungen ist anfangs schon recht verwirrend für einen Außenstehenden. Jedenfalls: die eigentliche Arbeit wird - ähnlich wie im Bundestag - in den Ausschüssen getan, wo die Arbeit des Plenums vorbereitet wird. Dass in Brüssel hart an der Zukunft der Europäischen Union gearbeitet wird, steht außer Zweifel. Doch wenn der Verfassungskonvent sich drei Stunden mit Nebensächlichkeiten aufhält, drängt sich schon die Frage auf, ob solche Fragen wirklich wichtig sind.

Ein Abgeordneter verdient enorm viel Geld, geht in der Früh mit seinen Partei-Spezln zum Weißwurstessen, werkelt tagsüber ein bisschen herum und lässt sich abends zum Essen einladen. Derartige Vorurteile gegenüber EU-Abgeordneten und der EU im Allgemeinen haben mit der Realität wenig gemeinsam. Der Arbeitstag von Alexander Radwan beispielsweise beginnt spätestens um acht Uhr und endet meistens mit einem geschäftlichen Abendessen, das sich bis weit in die Nacht ausdehnen kann. So interessant die Arbeit eines Abgeordneten auch sein mag, die Rollen möchte ich nicht tauschen. Bei einem so dicht gedrängten Terminkalender und dem Hin und Her zwischen Brüssel, Straßburg und Wahlkreis bleibt kaum Zeit für Familie und Freizeit. Nein, leid tun müssen einem die Parlamentarier nicht. Doch es bedarf schon einer gehörigen Energie, dieses Pensum auf Dauer durchzuhalten. Dabei ist ein EU-Abgeordneter finanziell nicht wesentlich besser gestellt als ein Abgeordneter des Deutschen Bundestags.
Einmal im Monat finden für eine Woche die Plenarsitzungen in Straßburg statt. Das heißt im Klartext, dass mein Kollege und ich am Freitag davor die große graue Umzugskiste packen. Sind alle wichtigen Papiere mit dabei? Haben wir auch nichts vergessen? So spannend die Plenarwoche für mich auch gewesen sein mag. Denjenigen, die sie Monat für Monat mitmachen, ist sie eher ein lästiges Übel. Ich glaube nicht, dass sich Straßburg - auch wenn das bisher bei den Franzosen auf beherzte Gegenwehr stößt - auf lange Sicht als EU-Sitz halten kann. Zu hoch sind einfach Kosten und Aufwand.


Wieso braucht die EU eigentlich so lange, bis sie endlich ein Gesetz verabschiedet? Während meines Praktikums habe ich unter anderem Kommissionsvorschläge zu einer Richtlinie über Kraft-Wärme-Kopplung und deren erste Lesung, also die Stellungnahme des Parlaments, bearbeitet. "Nicht schlecht" hebe ich gestaunt, weil zwischen beiden Texten ein ganzes halbes Jahr liegt. Denke ich an unser Büro zurück, ist das kein Wunder: Türme über Türme von Gesetzestexten und Positionspapieren, die von zwei Mitarbeitern durchgeackert werden müssen - manchmal auch nur von einem. Nicht zu vergessen die unzähligen Bürgeranfragen, die sich von der Rundholz-Sortierung bis zu Steuerfragen erstrecken. Bürger haben Fragen und wenden sich damit an "ihren" Abgeordneten. Diese Anfragen werden natürlich beantwortet. Das dauert aber schon seine Zeit, weil sich die Mitarbeiter erst in die zum Teil "fachfremden" Themen einarbeiten müssen. Ein bisschen Geduld ist also nötig, schließlich kocht das Europäische Parlament auch nur mit Wasser!

Sandra Nißl

Sandra Nißl vor dem Parlamentsgebäude in Brüssel

Lust auf mehr?

Bei weiteren Fragen über die Erfahrungen und die Organisation eines Praktikums können Sie sich direkt an Sandra Nißl wenden [email protected]

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19.08.2003