Streiten JA - Demütigen NEIN

Ich weiß. Mit der Erwähnung des 11. Septembers 2001 kann ein Autor mittlerweile mit dem Rümpfen vieler Lesernasen rechnen. Abgedroschen und erledigt erscheint dieses Thema bereits vielerorts. Die traurige Wahrheit ist: dieses Thema wird uns alle - liebe Mitbewohner der sogenannten westlichen zivilisierten Welt - für die nächsten Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte beschäftigen. Ja, es wird die Zukunft unserer Kinder mitbestimmen.
Was ist das Thema dieses 11. Septembers, des Top-Themas unserer Zeit?
Die Namensgebung ist vielfältig: Terror, Islam, Solidarität, Krieg, und vieles mehr. Und worum geht es? Bleiben wir bei der ursprünglichsten Bezeichnung für alles Übel, das unsere doch so terrorisierte westliche Welt zur Zeit auszuhalten hat: Streit. Eine urmenschliche Erscheinung. Orient gegen Okzident, Gläubige gegen Ungläubige, zivilisiert gegen unzivilisiert, Grün gegen Rot, jeder gegen jeden, Eltern gegen Kinder, und so weiter und so fort.
Oft schon - so zeigt uns die eigene europäische Vergangenheit - immer wieder - so zeigen uns die Krisenherde der heutigen Welt, hat das menschliche Phänomen des Streites zu furchtbaren Kriegen, Zerstörung, Ausbeutung und der damit einhergehenden Verletzung der Menschenrechte geendet. Das alles wissen wir. Man sollte meinen, dass ein halbwegs intelligenter, aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts gelernt haben sollte zu streiten.
Doch schon ein Blick auf die deutsche Streitkultur lässt Böses ahnen, geschweige denn ein Blick auf die internationale Situation.
Es scheint als wäre uns vielgelobten, westlich zivilisierten Bürgern eine wichtige Eigenschaft völlig verloren gegangen: die Fähigkeit zum Dialog. Dialog bedeutet Verständigung und diese ist nur möglich, wenn der Standpunkt des anderen erfasst wird und man lernt ihn richtig einzuschätzen. Aber genau diese Chance der Lernbereitschaft muss auch dem Dialogpartner zugestanden werden. Ein Aspekt, der oft in den Hintergrund tritt. Vielleicht ist es ein Problem der heutigen Zeit, dass unter Dialog immer mehr verstanden wird, dem Gegenüber entgegenzukommen, sich immer mehr zu öffnen. Das ist die wichtige Voraussetzung, aber darf dabei die eigene Identität verloren gehen? Ein Gegenüber ohne Standpunkt, ohne Identität kann nicht glaubwürdig sein.
Wenn ein Schüler aus dem arabischen Kulturkreis stammt, ist es von dessen Warte aus betrachtet eine Demütigung von einer Lehrerin unterrichtet zu werden. Eine Frau als Autoritätsperson wird nicht anerkannt. Beide Seiten müssen erst mit dem Kulturkreis des jeweils anderen vertraut sein, um die Positionen zu verstehen. Wie solch ein Konflikt gelöst werden kann steht auf einem ganz anderen Blatt, aber die Erkenntnis des Kernproblems muss voran gehen. Hier wird der eigentliche Punkt deutlich, der in den meisten Fällen Ursache ist für Streit: Demütigung. Und diese beginnt im Kleinen. Ein Kind, das im Laufe seines Heranwachsens nur Herabsetzung in Form von nicht ernst genommen werden oder gar Schlägen erfährt, wird dies irgendwann in irgendeiner Form von Aggressivität zurückgeben. Wer Demütigung erfährt, vermag nur auf die gleiche Art und Weise zu reagieren, nämlich durch Herabsetzung anderer. Demütigung verletzt die Würde des Menschen und diese Verletzung sitzt tief und fordert nicht selten Rache. Die Anfänge dieses Reaktionskreislaufes finden wir häufig schon in unseren Familien. Zu betrachten sind diese aber auch tagtäglich in den Nachrichten über unsere Politik. Demütigung und Herabsetzung fordert die gleiche Reaktion. Kaum einer unserer Politiker scheint über diesem Handlungsschema zu stehen. Und dies endet im Machtkampf.
Die Situation in unserem Staat, sowie auf der ganzen Welt fordert ein Miteinander, nicht ein Gegeneinander einzelner um die Macht ringender Parteien, in dem der Wähler für zu dumm erachtet wird, eine selbständige, mündige Entscheidung zu treffen.
Was im kleinen Kreis der Familie und gesellschaftlicher Gruppen genauso dringlich gebraucht wird, wie im großen Kreis der Staats- und Weltpolitik ist verantwortungsbewusster Streit. Streit im Sinne eines fruchtbaren Streites. Standpunkte müssen aufscheinen. Unsere politischen Figuren müssen wieder an Identität gewinnen um ernst genommen zu werden. Das Maß an Identität und Offenheit muss auf eine gesunde Weise abgewogen werden. Und dies geschieht durch Diskussion. Wenn Streit durch Diskussion und Verhandlung ausgetragen wird, kann dieser Streit fruchtbar sein. Und fruchtbar bedeutet hier: das Zustandekommen von Lösungsvorschlägen, die das Zusammenleben in unseren Familien, unserer Gesellschaft, unserem Staat, in Europa und auf der ganzen Welt auf eine humane Art und Weise ermöglichen ohne die Würde eines einzelnen Menschen oder - wie es oft der Realität entspricht - einer ganzen Gruppe von Menschen zu untergraben.

Gabriele Merk