Queen Elizabeth the Queen Mother - Queen Mum

Am 30. März 2002 starb Queen Elizabeth the Queen Mother in der Royal Lodge im Park von Windsor. Sie wurde 101 Jahre alt. Ihr Alter und ihre Stellung läßt den Rückblick auf ihr langes Leben zu einem Rückblick auf das vergangene Jahrhundert werden.

Geboren wurde sie am 04.08.1900 als neuntes Kind von Lord und Lady Glamis, entweder in London oder in St. Paul`s Walden Bury. Ihre Eltern waren schottische Adelige. Ihr Vater sollte wenige Jahre später zusammen mit großen Besitzungen in England und Schottland den Titel eines Earl of Strathmore and Kingshorne erben. Die kleine Lady Elizabeth Marguerite Bowes Lyon (so ihr damaliger voller Name) wuchs teils im englischen Landsitz der Familie St. Paul`s Walden Bury, teils im Stammsitz der Familie Glamis Castle auf. Letzteres war ein sehr altes Schloss, das sowohl für den von Shakespeare dort angesiedelten Mord an König Duncan, als auch durch ein angebliches Monster berüchtigt war. Erzogen wurde Elizabeth privat. Ihre Kindheit war glücklich. Diese endete endgültig mit dem ersten Weltkrieg. Glamis wurde zum Lazarett umfunktioniert und Elizabeth kümmerte sich um die dort untergebrachten verwundeten Soldaten. Auch die eigene Familie blieb vom Schrecken des Krieges nicht verschont. Ihr Bruder Michael wurde verwundet und geriet in Gefangenschaft. Noch schlimmer traf es ihren Bruder Fergus. Er fiel in der Schlacht. Die Erfahrungen dieser Zeit dürften Elizabeth ihr Leben lang geprägt haben. Nicht umsonst war während der ganzen Zeit ihres öffentlichen Wirkens das jährliche Gedenken an die Gefallenen ein besonders wichtiger Termin.

Der Krieg ging zu Ende. Elizabeth wurde in die Londoner Gesellschaft eingeführt. Dort lernte sie sowohl Prinzessin Mary, mit der sie sich schnell anfreundete und deren Bruder Prinz Albert kennen. Der verliebte sich in sie, hielt mehrfach um ihre Hand an, bis sie schließlich - beim dritten Versuch - einwilligte. 1923 wurde zuerst die Verlobung bekanntgegeben und dann am 26. April 1923 geheiratet. Dies war seit Jahrhunderten die erste Ehe eines männlichen Kindes eines englischen Monarchen mit einer Frau, die nicht einem Herrscherhaus entstammte. Insofern war es ein bedeutender Schritt der Öffnung des britischen Königshauses. Jahre des Glücks folgten. Albert war der zweitgeborene Sohn von Georg V. Niemand erwartete, daß er jemals König werden könnte, und so stellten er und Elizabeth sich auf ein ruhiges Leben mit gelegentlichen repräsentativen Aufgaben ein. Das kam Albert sehr gelegen, denn er war eher schüchtern und stotterte. Elizabeth kam mit den öffentlichen Auftritten gut zurecht. Sie wurde geradezu zum Liebling der Öffentlichkeit. Zwei Kinder wurden geboren. Am 21. April 1926 Elizabeth und am 22. August 1930 Margaret.

Dies sollte sich 1936 schlagartig ändern. Der Zustand von Georg V verschlechterte sich. Er starb am 20. Januar. Alberts ältester Bruder David bestieg als Edward VIII den Thron. Doch dessen Regentschaft sollte rasch vorübergehen. Edward VIII hatte ein Verhältnis mit der zweifach geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson. Und Edward hatte die Absicht sie zu heiraten. Ein solcher König mit einer solchen Königin an der Spitze von Nation und Kirche? Noch war die Affäre unbekannt. Doch das sollte sich ändern. Von Anfang sorgte das Thema im Königshaus und in der Politik für Diskussionen. Die vorherrschende Meinung war Frau oder Krone. Bzw. mit anderen Worten: Pflicht oder Frau. Für Albert und Elizabeth bedeutete diese Affäre ein Damoklesschwert. Nach Edward war Albert die Nummer eins in der Thronfolge. Zunächst wurde das Problem geschickt vor der Öffentlichkeit verborgen. Aber nicht für immer. Zuerst entdeckte die amerikanische Presse das Thema. Am 3. Dezember erfuhr die englische Presse davon. Regierung, Kirche und die eigene Familie fordern Edward zur Entscheidung auf. Am 10. Dezember trat er zurück. Albert brach weinend zusammen als er die Entscheidung erfuhr. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig als unter dem Namen Georg VI (vermutlich hätte der Name Albert zu deutsch geklungen) den Thron zu besteigen.

Am 12. Mai 1937 werden Georg VI und Elizabeth in der Westminster Abbey gekrönt. Von den Affären Edward VIII hob sich die funktionierende Familie an der Spitze des Empires positiv ab. Auch wenn diese Idealvorstellung später zum Problem werden sollte. Doch noch war die Monarchie angeschlagen. Es kommt noch schlimmer; denn 1939 brach der zweite Weltkrieg aus. In dieser Situation zeigten beide ihre Stärke. George VI meisterte seine Rolle unerwartet gut. Ob er dies ohne seine Frau in ähnlicher Weise hätte schaffen können ist fraglich. Elizabeth bestand darauf, weder sich selbst noch die beiden Prinzessinnen nach Kanada oder Australien in Sicherheit zu bringen. Die Prinzessinnen wurden im sichereren Windsor untergebracht, aber das Königspaar lehnte es sogar ab, das von den Deutschen bombardierte London zu verlassen. Sie besuchen die bombardierten Teile des East End, was ihnen bis heute noch nicht vergessen ist. In Erinnerung ist auch der Ausspruch von Elizabeth nach der Bombardierung des Buckingham Palace, in der das Königspaar nur durch Zufall ernsten Verletzungen oder gar dem Tod entging: Nun können wir dem East End in die Augen schauen. Ihre Rolle sollte nicht unterschätzt werden. Ein Weltkrieg wird nicht nur durch die Waffen, sondern auch durch die Moral der Bevölkerung entschieden. Und in diesem Punkt hat gerade Elizabeth einiges geleistet. Dies wurde indirekt auch von Hitler bestätigt, der sie als die gefährlichste Frau Europas bezeichnete. Ob ohne sie der Krieg anders ausgegangen wäre, läßt sich nicht entscheiden, aber in einem solchen Ringen mag das Handeln jedes und jeder Einzelnen den Ausschlag geben. Elizabeth und ihr Mann gingen aus dem Krieg mit höchstem Ansehen hervor.

Nachdem der Jubel über den Sieg verklungen war, standen Großbritannien harte Jahre bevor. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal und das Land durch den Krieg ruiniert. Für George und Elizabeth fielen in diese Zeit der Verlust der indischen Kaiserkrone 1947 und die Hochzeit von Tochter Elizabeth mit Prinz Philip. Größere Probleme kündigten sich an. Der Gesundheitszustand des Königs verschlechterte sich. Er wird operiert. Eine lang geplante Commonwealth Reise ist zu anstrengend und wurde an die Tochter delegiert. Zur Erholung fuhr er auf seinen Landsitz Sandringham, wo er am Morgen des 6. Februars 1952 tot in seinem Bett aufgefunden wurde. Der Tod ihres Mannes traf Elizabeth hart. Sie zog sich nach der Beerdigung völlig von der Öffentlichkeit zurück. Man fürchtete schon, sie würde sich von nun an völlig zurückziehen. Erst im Mai gelang es, sie dazu zu bewegen, wieder einen Termin in der Öffentlichkeit, die Verabschiedung eines Regiments in den Koreakrieg, wahrzunehmen.

In den nächsten Jahrzehnten stand eine neue Aufgabe an. Ihre alte Rolle, als Queen Elizabeth hatte sie mit dem Tod ihres Mannes verloren. Nun war sie Queen Elizabeth, the Queen Mother. Zunächst mußte sie sich daran gewöhnen, der Tochter den Vortritt zu überlassen, aber sie schaffte es, eine in dieser Weise noch nicht dagewesene Rolle aufzubauen. Durch ihr Wirken in der Öffentlichkeit blieb sie das beliebteste Mitglied des Königshauses. Ich konnte selbst die Begeisterung mancher Menschen, die sie persönlich erlebt haben, kennenlernen. Und dieses Wirken dauerte bis fast zum Ende ihres Lebens. Danach sollte sich ja in besonderer Weise zeigen, welchen Eindruck sie hinterlassen hat. Zweihunderttausend Menschen die stundenlang anstanden, um an ihrem Sarg vorbeizuziehen, und ein mehrfaches an Menschen, die ihren letzt Weg säumten sprechen für sich.

Was verkörperte sie für die Menschen? Zunächst verkörperte sie - zumindest am Ende ihres Lebens - Geschichte. Das ergab sich ganz zwangsläufig aus ihrer langen Lebenszeit. Dann stand sie für Großbritanniens Durchhalten im zweiten Weltkrieg. Gerade als sie die letzte große Symbolfigur dieser Zeit war. Und sie lebte selbst manches, was in den letzten Jahrzehnten zu Unrecht aus der Mode gekommen ist. So war für sie die Ehe etwas nicht mehr auflösbar. So war für sie, die Erfüllung der Pflicht, selbstverständlich. So war sie Christin, betete und ging in den Gottesdienst. Der Sekretär der Anglikanischen Gemeinschaft, Canon Rosenthal, berichtet davon, daß ihr Gebetbuch einen sehr gut benutzten Eindruck machte. Vielleicht ist der Glaube ja auch die Erklärung dafür, daß sie alle Krisen ihres Lebens gut überstand. Sei es die überraschende Aufgabe als Königin, der frühe Tod ihres Mannes oder die Krisen ihrer Enkel. Aber zu all ihren positiven Eigenschaften kam vielleicht ein besonderes Geheimnis: Ihre eine oder andere kleine Schwäche - seien es die Rennpferde oder ein gelegentlicher Schluck Gin - ließen sie menschlich bleiben. Sie halfen, sich mit ihr zu identifizieren. Und vielleicht trug das seinen Teil dazu bei, daß sie so vielen Menschen so viel bedeutet hat.

Thomas Gerold

 

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