Zeitgeschehen


Harry Potters erster Flug auf der Leinwand

Ein Rückblick auf den Film Harry Potter und der Stein der Weisen


Der erste Harry-Potter-Film, Harry Potter und der Stein der Weisen, war ein großes Kinoereignis. Der große Erfolg der Bücher machte das unvermeidlich. Das war zugleich die große Chance und die große Herausforderung für diese Verfilmung. Der Erfolg des Buchs, schraubte die Erwartungen an der Film in schwindelerregende Höhen. An diesen Erwartungen muß er sich messen lassen. Das gilt auch für andere Verfilmungen, wie z. B. Tolkiens Lord of the Rings. Im Gegensatz zu dieser anderen bekannten Literaturverfilmung der letzten Zeit lebt bei Harry Potter die Autorin noch, und nach allem was man hört arbeitet sie aktiv an den Filmen mit. Deshalb muß hier nicht das Werk einer Person, die man nicht mehr fragen kann, ins Medium Film umgesetzt werden, sondern hier kann gewissermaßen die Autorin diese neue Verarbeitung ihres Werks mitgestalten. Dabei gibt es ganze Menge zu tun; denn die Medien Buch und Film unterscheiden sich. Der Film muß zugleich genauer und ungenauer sein. Genauer ist er z. B. bei der Gestaltung von Räumen. Im Buch genügen ein paar Worte, die die Atmosphäre andeuten, im Film muß man den ganzen Raum zeigen. Andererseits ist der Film auch weniger genau; denn man muß sich mit der kurzen Zeitspanne begnügen die einem Film zugemessen ist.

Der Film folgt seinem literarischen Vorbild. Der Schrecken von Harrys Kindheit kommt gut herüber. Die Dursleys sind gut gezeichnet, sowohl in ihren schlechten Seiten wie in ihrer übersteigerten Normalität, die nichts außergewöhnliches duldet. Vielleicht war es eine von Mrs Rowlings genialsten Ideen, dem großen, vom Durchschnittsmenschen schon sehr entfernten Schurken Voldemort einige unerträgliche Durchschnittsmenschen zur Seite zu stellen, deren Hauptfehler es ist, alles was ihren Horizont übersteigt bei Harry auslöschen zu wollen. Auch das Portrait von Hagrid ist gut getroffen, der plötzlich als Retter auftaucht und dabei ganz anders ist wie der übliche strahlende Held. Man denke nur an sein Aussehen, gewöhnlich würde das eher auf einen bösen Riesen hindeuten und seine Liebe für Monster insbesondere Drachen. Das spräche eigentlich nicht für eine positive Rolle und doch schenkt man ihm schon bald auch als Zuschauer Vertrauen. Die Handlung verläuft sehr schnell. Manche Szene fehlt. So springt der Film ohne Übergang vom Haus der Dursleys auf die vom Sturm umtobte Insel.

Mit Diagon Alley betreten wird den ersten magischen Ort. Zumindest ich konnte mich des Eindrucks nicht verwehren, daß dieser Ort im Film wesentlich deutlicher viktorianisch gezeichnet wird als im Buch. Das gilt z. B für die Gringott`s Bank wie für die Läden, die bis auf die dort verkauften Waren ganz gut in diese Zeit passen würden. In Gringott`s wird das Kuriose mit dem Geheimnisvollen verbunden. Gerade den Goblins kam eine gewisse Komik wirklich nicht absprechen, während man sich gleichzeitig mit ihnen nicht anlegen möchte. In dem Laden für Zauberstäbe steht das komische Chaos beim Ausprobieren der falschen Zauberstäbe dem düsteren Geheimnis von Harrys Vergangenheit gegenüber. Dieses Chaos findet sich so nicht im Buch. Dort geschieht bei den für Harry ungeeigneten Zauberstäben einfach nichts. Dafür können dort Harrys Gedanken und Gefühle viel besser wiedergegeben werden. Für den Blick in sein Inneres ist das Buch eben besser geeignet.

Vom magischen Ort Diagon Alley der schon durch seine viktorianische Atmosphäre außerhalb der normalen Zeit und Welt liegt, geht es mitten in den Bahnhof. So ungewohnt die großen mit Glas überdachten Bahnhofshallen in unserer Zeit geworden sein mögen, so ist es doch ein gewöhnlicher großer Londoner Bahnhof. Mitten im Gewöhnlichen gibt es einen Bahnsteig in die Zauberwelt. Doch den muß Harry erst finden. Nur mit Hilfe einer zufällig gefundenen Zaubererfamilie, den Weasleys, auf die er zufällig stößt, findet er den Weg durch die Wand. Es geht los. Mit einem von einer Dampflock gezogenen Zug. Man könnte anfragen, ob es nicht konsequenter gewesen wäre, auch das Innere des Zugs weniger modern und passender zur Lock zu gestalten, aber das ist eine Nebensächlichkeit. Vielleicht ist diese Inkonsequenz für dieses Gefährt von der einen Welt zu der anderen aber auch sehr passend. Ron und Hermione (in der deutschen Fassung Hermine) werden eingeführt. Bald werden sie von Hagrid empfangen.

Es geht über den See. Man kann sich fragen, was Mrs Rowlings bewegte, den Weg zur Aufnahme in Hogwarts über das Wasser führen zu lassen. Ist das eine beabsichtigte Erinnerung an die Taufe oder soll nur ein Grund dafür gefunden werden, daß die Neuen später als die anderen Schüler ankommen. Auf jeden Fall gibt es eine beeindruckende Szene. Der Blick auf Hogwarts vermittelt einen kleinen Teil der Faszination, die dieses Gebäude in der Phantasie des Lesers auslösen kann. Es bleibt offen, ob es mehr kann; denn in keinem Film können die Bilder erreichen, was die menschliche Phantasie zu leisten vermag.

 

 

 

Im Schloß begegnen wir Harrys Gegenspieler auf Ebene der Schüler, nämlich Draco Malfoy. Es ist interessant, daß diese Begegnung im Film, anders als im Buch, direkt vor der "Sorting Ceremony" erfolgt. Die im Buch vorhergehenden Begegnungen in Diagon Alley und im Zug fehlen. Vor der Tür der großen Halle lehnt Harry Malfoys Hand und damit das Bündnis mit ihm ab, drinnen lehnt er das Angebot einer großen Karriere in Slytherin ab. Hier bietet ihm nämlich der sprechende Hut eine große Laufbahn in Slytherin, dem Haus, das die großen Dunklen Zauberer hervorbrachte, an. Aber Harry lehnt diese Chance genauso wie das Bündnis mit Malfoy ab. Durch diese Anordnung wird die Entscheidung Harrys gut herausgearbeitet. Die Atmosphäre in der großen Halle verdient Beachtung. Das beginnt mit der Halle selbst. Eine solche Halle mit dem erhöhten Tisch der Lehrer kann einem in manchen britischen Schulen und Colleges wirklich begegnen. Aber der wolkenbedeckte Himmel an der Decke, die sie erhellenden Feuer und die ungewöhnlichen Gewänder ergeben eine ganz eigene Atmosphäre. Das gilt für ganz Hogwarts. Keine moderne Technologie. Mittelalterliche Bauten. Teile des Films wurden ja wirklich in einer mittelalterlichen Kathedrale gefilmt. Feuer statt elektrischem Licht. Dazwischen Schulbetrieb. Eine interessante Mischung, dem Buch entlehnt, faszinierend.

Die Personen sind größtenteils gut getroffen. So Hagrid, die strenge und doch sympathische Lehrerin McGonagall, der Hausmeister Filch und vor allem der Rektor Dumbledore. In dieser Besetzung wird es schwer werden den kürzlichen verstorbenen Darsteller Richard Harris zu ersetzen. Auch die Lehrer Snape und Quirrel sind gut getroffen. Der falsche Verdacht, der auf Snape fällt, ist auch dem Zuschauer plausibel.

Die weiteren Szenen des Films fallen unterschiedlich aus. Der Zentaur scheint mir nicht sonderlich gut getroffen. Man muß allerdings zugeben, daß es schwer sein dürfte, einen Zentauren im Film glaubhaft darzustellen. Beim Quidditch-Match, im Film ist es anders als im Buch nur eines, ist man zumindest beim ersten Zusehen ganz dabei und fiebert mit. Unterschiedlich gelungen ist die Schlußphase bei der Suche nach dem Stein gegen Ende des Films. Der Sprung in die Tiefe ist wie im Buch. Auch die vorhandenen Aufgaben sind kaum verändert. Eine Aufgabe fehlt. Im Buch läßt sich nur mit Hilfe einer Logikaufgabe der zum Weiterkommen nötige Zaubertrank von einer Reihe von Giften unterscheiden. Mit dieser Aufgabe wurde der Hauptpart Hermiones im Buch herausgeschnitten. Das mag daran liegen, daß für Logik im überschnellen Medium Film wenig Platz ist. Am Ende findet auch hier Harry den Stein der Weisen. Das Versteck im Spiegel, der ihn nur an den herausgibt, der den Stein nicht verwenden will, ist eine von Mrs Rowlings genialsten Ideen. Immerhin steht die Suche nach dem Stein der Weisen traditionell nicht nur für die Suche nach Lebensverlängerung und Gold, wie bei Voldemort, sondern für Suche nach Reinigung. Demnach sind sich Voldemort und der Stein entgegengesetzt. Überhaupt ist Voldemort eine interessante Figur. Zumindest dreimal im Film - wie im Buch - nimmt er es mit etwas auf, daß für etwas sehr Gutes steht und scheitert. Schon zu Beginn versucht er Harry zu töten, der geschützt durch die Liebe seiner Mutter zu Voldemorts vorläufigen Verhängnis wird. Dann trinkt Voldemort das Blut der Einhörner. Das Blut der Unschuldigen verschafft ihm ein verfluchtes Leben. Zuletzt versucht er nach dem Stein der Weisen zu greifen, und scheitert. Voldemorts zwischendrin geäußerten "philosophischen" Betrachtungen, es gebe weder gut und böse, sondern nur Macht, kann man als immer aktuelle Zeitkritik verstehen. Man kann sich fragen, ob Mrs Rowling "The Abolition of Man" von C. S. Lewis gelesen hat. Der beschäftigt sich dort ja auch mit Versuchen gut und böse durch das Streben nach Macht zu ersetzen. Dabei gebraucht er interessanterweise sogar das Beispiel des bösen Magiers, was besonders zu Voledmort passen würde. Wenn sie auf die Kinderbücher von Lewis schon selbst in Interviews hinweist, mag sie auch dessen philosophisch-theologische Werke gelesen haben. Mrs Rowling läßt Voldemort jedenfalls nicht erfolgreich sein. Er wird besiegt, aber nicht für immer.

Bei einem Blick auf Harry Potter und der Stein der Weisen fällte es schwer, sich auf den Film zu beschränken. Er hängt mit dem Buch zu eng zusammen. Beide haben ihrem Medium gemäß unterschiedliche Stärken und Schwächen. Deshalb machen sie sich nicht gegenseitig überflüssig. Das Buch kann nun mal detaillierter sein. Auch hat es den Vorteil, die Phantasie viel besser anregen zu können als der Film. Damit ist es gerade für das, was die Alltagswelt übersteigt, besser geeignet als der Film. Dafür kann der Film z. B. bei der Gestaltung der Räume genauer sein als das Buch. Er muß sie nicht nur skizzieren, er darf sie gewissermaßen ausmalen. Bei diesen Unterschieden ist der Film ein eigenes Werk, das auf mich einen positiven Eindruck macht. Man darf gespannt sein, wie der zweite Film gelungen ist.

Thomas Gerold

Zeitgeschehen - Startseite

19.11.2002