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Den Schrecken nicht vergessen

Eine christliche Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs

 

In diesen Tagen jährt sich zum neunzigsten Mal der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Ereignisse von damals geraten mehr und mehr in Vergessenheit. Von den Veteranen dieses Kriegs - von welcher Seite auch immer - ist kaum noch einer übrig. Selbst die damals geborenen Kinder sind heute schon sehr alt geworden. Der Mantel des Vergessens hüllt sich über diese große Katastrophe.

Und doch darf der Erste Weltkrieg nicht in Vergessenheit geraten. Er war die große europäische Katastrophe zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, die dieses Jahrhundert entscheidend prägte. Dieser schreckliche Krieg beeinflusst unser Leben bis heute. Auch zeigte sich in ihm schon die Macht des Leidens in der Welt.

Zunächst gilt es an die extremen Veränderungen Europas durch diesen großen Krieg zu denken. Der Krieg hat das Gesicht des Kontinents umgestaltet. Die Throne der seit Jahrhunderten regierenden Dynastien vieler europäischer Länder wurden umgestürzt. Man denke an den russischen Zaren, das Kaiserreich Österreich-Ungarn, Deutschland mit seinen vielen Dynastien.

Russland geriet damals sogar unter den Schatten des Kommunismus, aus dessen Würgegriff es sich erst am Ende des Jahrhunderts wieder befreien konnte. An dessen Nachwirkungen, dem wirtschaftlichen und geistigen Ruin und der weiten Verbreitung des Atheismus, leidet es noch heute. Auch denke man an die vielen Millionen Toten, die die kommunistische Diktatur gefordert hat. Es ist unwahrscheinlich, dass es diese historische Katastrophe ohne diesen Krieg gegeben hätte.

Man denke aber auch an Österreich-Ungarn, dass ganz zerfiel. Die Gebiete, in denen Menschen verschiedenster Völker seit Jahrhunderten zusammenlebten, wurden in den folgenden Jahrzehnten Schauplatz einer Politik der ethnischen Säuberungen, die jeweils nur eine Nation dort überleben ließ. Die alte Vielfalt ging im allzu oft grauenhaften zwanzigsten Jahrhundert zu Grunde. Dies liegt nicht allein am Ersten Weltkrieg. Aber ohne diesen wäre es kaum vorstellbar.

In Deutschland endete die Zeit der vielen Dynastien. Ein extremer - auch kultureller - Bruch mit der Vergangenheit, der bis heute nachwirkt. Außerdem läutete dieser Krieg für Deutschland das Jahrhundert der noch größeren Katastrophe ein. Nicht, dass sie nicht trotz des Ersten Weltkriegs vermeidbar gewesen wäre. Aber dieser Krieg war eine der Voraussetzungen für den späteren noch größeren Schrecken. Wir sehen, auch das Leben der späteren Generationen wurde von diesem Krieg geprägt. Ohne diesen wären wir heute in einer anderen Welt.

 

 

 

 

 

 

 

Bei allen historischen Auswirkungen gilt es aber noch wichtigeres zu bedenken: Nämlich die Menschen, die unter den Auswirkungen des Kriegs litten. Besonders zu nennen sind die Soldaten an der Front. Ganz gleich ob sie für Russland, Großbritannien, Frankreich, Österreich, Deutschland oder eine der anderen beteiligten Nationen kämpften. Die Erfahrungen waren ähnlich. Gerade der Schrecken der Westfront ist auch heute kaum zu ertragen. Tausende von Toten geopfert für wenige Meter Landgewinn. Der Sturm ins Feuer der Maschinengewehre, die Giftgaswolken, die unzähligen Leichen, die mörderischen Geschütze, all das war Alltag an der Front. Ganze Einheiten, von denen kaum einer überlebte. Nicht nur das Risiko des Todes, sondern nahezu die Gewissheit des Todes. Das hat eine ganze Generation geprägt, von denen unzählige starben. Noch heute werden gelegentlich Leichen geborgen. Viele Überlebende waren körperlich für immer gezeichnet. Ich bezweifle, dass auch nur einer nicht seelisch von diesem Schrecken gezeichnet war. Dieser Schrecken war das ganze Leben lang mitzutragen. Ohne diese Erfahrung des Grauens zu bedenken lässt sich ein Großteil des Denkens und Schreibens der folgenden Jahrzehnte kaum verstehen.

Um so schlimmer, dass es für den heutigen Menschen kaum nachvollziehbar ist, was die damals Herrschenden zur Entscheidung für eine solche Katastrophe veranlasste. Man kann ohne Übertreibung vom Selbstmord Europas sprechen. Vermutlich hat kaum einer mit der ganzen Schrecklichkeit dieses Krieges wirklich gerechnet. Damit zur rechnen, scheint nicht nötig zu sein, um so etwas herauf zu beschwören. Das sollte als dauernde Mahnung dienen.

Wir können die damaligen Ereignisse nicht mehr verhindern. Sie sind geschehen. Es bleibt uns nur zu gedenken. Es bleibt nur, die vielen, die damals starben nicht zu vergessen. Es bleibt nur, die Mahnung von damals zu beherzigen. Wir haben gesehen, was aus einem überschaubar scheinenden Krieg, an den 1914 viele dachten, werden kann. Wir wissen im Rückblick, wie schnell der große Flächenbrand aus Hass und Krieg alles vernichtet. Darüber hinaus bleibt nur ein Weiteres: Trotz des Entsetzens über die Grausamkeit dieser Ereignisse, sich nicht davon zerbrechen zu lassen. Weder vom damaligen Krieg, noch von den früheren und späteren Kriegen, auch nicht von den augenblicklichen Kriegen. Gerade im Wissen um die Kraft des Hasses, gilt es weiterzuhoffen. Paulus spricht davon, dass die Schöpfung "seufzt und in Geburtswehen liegt". Beim Anblick der Fotos der völlig verwüsteten, von Leichen übersäten Schlachtfelder, wissen wir, wir schlimm die Schmerzen der Schöpfung sind, der Menschen und aller Geschöpfe. Und doch bleibt auch die Hoffnung. Die Hoffnung, dass Gott trotz allem sich als Herr der Geschichte erweisen wird, dass in ihm die viele Millionen Toten leben und in ihm miteinander Versöhnung finden. Es gilt eben nicht, das damalige Leid zu vergessen, sondern sich daran zu erinnern, und eine Hoffnung zu haben, die die Opfer von damals nicht abschreibt, sondern in die kommende Herrlichkeit mit einbezieht.

Thomas Gerold

 

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30.07.2004