Theologie und Glaube



Schriftlesung im Heiligen Geist

Der Beitrag Henri Kardinal de Lubacs (1896-1991) zur theologischen Schriftauslegung

 

Der französische Jesuit Henri de Lubac war einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Zu den von ihm beeinflussten Theologen gehören Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar, Joseph Ratzinger, Karl Lehmann und Walter Kasper. Damit dürfte es heute kaum einen katholischen Theologen geben, der nicht zumindest indirekt von de Lubac beeinflusst worden ist.

Henri de Lubac ist vor allem durch seine Ausführungen zur Gnade, zur Ekklesiologie und durch seinen Beitrag zum Zweiten Vatikanischen Konzil bekannt geworden. In diesem Artikel stehen jedoch nicht diese Themen im Mittelpunkt, sondern seine Ausführungen zur theologischen Schriftauslegung.

Damit geht es um eine für jeden Christen bedeutsame Thematik; denn jeder Christ wird mit der Schrift konfrontiert. De Lubac kann sowohl Anregungen für den eigenen Umgang mit der Schrift geben als auch in das Schriftverständnis der Tradition einführen und diese damit für den heutigen Christen erschließen.

Henri de Lubacs ganze Theologie ist auf Jesus Christus bezogen. Dieser ist der Mittelpunkt seines Lebens und seiner Lehre. Jesus Christus hat uns Menschen seinen Heiligen Geist als Beistand gesandt, damit er uns im Leben begleitet. Der Heilige Geist unterstützt die Menschen bei der Schriftlesung. So können sie die Heilige Schrift nicht nur als historisches Dokument lesen, sondern auch als Urkunde des Glaubens. Mit dem Verstehen der Heiligen Schrift gelangen sie jedoch nie an ein Ende, weil der menschliche, endliche Verstand sich vom göttlichen, unendlichen Verstand unterscheidet, aber sie können anfanghaft erkennen, was Gott ihnen in der Heiligen Schrift, die Jesus Christus bezeugt, sagen will. Das Lesen der Schrift ermöglicht es dem Menschen, den Willen Gottes für das eigene Leben zu erkennen. Um für die Botschaft Gottes offen zu sein, ist die Schriftlesung vom Gebet begleitet. Im Gebet bittet der Mensch um den Beistand des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ermöglicht es dem Menschen, im Gebet auf Gott zu hören und mit ihm zu sprechen. Gebet und Schriftlesung dürfen nicht folgenlos bleiben. Es gilt das Gehörte und Erkannte im eigenen Leben in die Tat umzusetzen. Christsein bleibt nie beim Lippenbekenntnis stehen, sondern wird immer praktisch. Die Orthodoxie mündet in die Orthopraxie. Der richtige Glaube muss ins richtige Handeln münden. Darin folgt der Mensch Jesus Christus. Die gehorsame Nachfolge Jesu Christi ist die Aufgabe eines jedes Christen.

Diese pneumatische Schriftlesung kann sich einer besonderen Weise der Schriftauslegung bedienen. Es handelt sich um die seit der Antike angewendete Lehre vom vierfachen Schriftsinn. Der Lehre vom vierfachen Schriftsinn liegt die Unterscheidung - damit ist keine Trennung gemeint - von Geist und Buchstabe zu Grunde. Im Neuen Testament findet sich diese Unterscheidung bei Paulus (Gal 4,24 u.ö.). Als wichtigster Tradent dieser Unterscheidung kann Origenes gelten. Er hat mit seinem theologischen Werk großen Einfluss auf die nachfolgende Theologiegeschichte gehabt. Die These, dass es hinsichtlich dieser Unterscheidung durch die ganze Auslegungsgeschichte hindurch seit dem Neuen Testament bis zur Reformation eine Kontinuität gibt, ist eine der Hauptthesen Henri de Lubacs.



 

 

 

Die Lehre vom vierfachen Schriftsinn besagt: Littera gesta docet, quid credas allegoria, moralis quid agas, quo tendas anagogia. (Der buchstäbliche Sinn lehrt, was geschehen ist, der allegorische, was man glauben soll, der moralische, was man tun soll, der anagogische (eschatologische), was man hoffen soll.) Am Beispiel "Jerusalem" bedeutet das: Jerusalem als historische Stadt (Literalsinn), Jerusalem als Kirche Christi (Allegorischer Sinn), Jerusalem als Seele des einzelnen Gläubigen (Moralischer Sinn) und Jerusalem als das himmlische Jerusalem (Anagogia). Die Basis bildet also der Literalsinn. Ihm liegt ein heilsgeschichtliches Geschichtsverständnis zu Grunde und auf ihm basieren die drei geistigen Sinne. Diese drei geistigen Sinne können mit den Tempora Vergangenheit - Gegenwart und Zukunft - verglichen werden. Die Tradition, in welche der christliche Glaube eingebunden ist (Allegoria), entspricht der Vergangenheit, die immer neu in die Gegenwart hineinreicht. Was der Mensch in der Nachfolge Jesu Christi zu tun hat (Tropologia), entspricht der Gegenwart und was der Mensch hoffen darf (Anagogia), entspricht der Zukunft. Die Lehre vom vierfachen Schriftsinn beschäftigt sich vor allem mit der allegorischen Auslegung alttestamentlicher Texte. Durch sie kann gezeigt werden, dass der geistige Sinn des Alten Testamentes Jesus Christus ist, der auch die Einheit aus Altem und Neuem Testament ist. Die These, dass Jesus Christus als der geistige Sinn der Heiligen Schrift die Einheit der beiden Testamente ist, gehört neben dem Aufweis der Kontinuität zu den Hauptthesen Henri de Lubacs zur theologischen Schriftauslegung.

Es ist nicht möglich die Lehre vom vierfachen Schriftsinn in der Weise zu rehabilitieren, dass sie heute exakt so wie damals angewendet werden könnte, aber dennoch hat sie bleibenden Wert. Dieser besteht in der Einsicht, die Heilige Schrift im Glauben zu lesen und sich vom Heiligen Geist Gottes lenken zu lassen, der jedem Menschen zeigt, wodurch er sich von Gott ansprechen lassen kann. Jeder einzelne Mensch ist aufgerufen, sein Leben als Antwort auf den Anruf der göttlichen Liebe zu gestalten.

So ist es ein großer Verdienst Henri de Lubacs gezeigt zu haben, dass Schriftauslegung zwar immer im Rahmen der Kirche vollzogen wird, aber dass zugleich die Gemeinschaft der Kirche das Bekenntnis des Einzelnen nicht übernehmen oder ersetzen kann. Dass de Lubac sowohl die Bedeutung der Gemeinschaft, also der Kirche, als auch des Einzelnen berücksichtigt, macht seinen Beitrag zur Schriftauslegung sehr wertvoll. Vielleicht noch wichtiger ist sein Plädoyer für Jesus Christus als die Einheit der Heiligen Schrift, welches eine christliche Möglichkeit eröffnet, beide Testamente zu lesen. Damit weist uns de Lubac auf das Zentrum von allem, auf unseren Herrn und Erlöser Jesus Christus.

Judith Göd

 

Judith Göd studiert in Bonn Kath. Theologie. Sie hat sich mit Kardinal Henri de Lubacs Schriftauslegung im Rahmen einer Diplomarbeit auseinandergesetzt.

 

 

 

 


 

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21.03.2005