Theologie und Glaube


 


Das Gebet in Gemeinschaft

 

Schon beim persönlichen Gebet des Einzelnen zeigt sich, dass wir zusammen mit den anderen Menschen auf Gott hin ausgerichtet sind.
Dies zeigt sich um so mehr beim gemeinschaftlichen Gebet, das von den Christen von Anfang an bis heute durchgehend praktiziert wird. So endet das Evangelium nach Lukas mit den Worten: "Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott".
Das gemeinschaftliche Gebet gibt es in den verschiedensten Formen. Es gibt das gemeinsame Gebet in der Familie oder im Freundeskreis. Das ist manchmal dem persönlichen Gebet sehr nahe, da es sehr flexibel ist. Es gibt auch das offizielle Gebet. In der römisch katholischen Kirche z. B. das Stundengebet, das in besonderer Weise von den Orden gepflegt wird, und das als ein Beispiel für gemeinschaftliches Gebet dienen kann. Gelegentlich werden Elemente davon - insbesondere die Vesper - auch in manchen Pfarreien gebetet. Diese Gebete sind fest geregelt. Es steht also fest, welcher Psalm und welche Lesung in welcher Reihenfolge zu verwenden sind. Das hat in erster Linie praktische Gründe. In einer großen Gemeinschaft geht es nicht anders.
Übrigens gibt es das Stundengebet auch als Gebet des Einzelnen, da es zahlreiche Christen täglich allein beten. So sind alle römisch katholischen Kleriker dazu verpflichtet. Natürlich beten es auch manche Laien. So kann man das Stundengebet auch als Mischform zwischen Gebet in Gemeinschaft und Gebet des Einzelnen sehen. Aber seine Wurzeln hat es klar im gemeinschaftlichen Gebet.

Im Stundengebet sind neben den schon im Beitrag zum Gebet des Einzelnen erwähnten Grundgebeten vor allem die Psalmen von Bedeutung. Sie sind die Gebete Israels, die älter sind als der christliche Glaube. Christus selbst hat sie verwendet. Man muss aber beachten, dass diese Gebete im Christentum in einen neuen Kontext gestellt sind. Die Psalmen zeigen uns nun einen weiteren theologischen Aspekt des Gebets. Nach alter christlicher Auffassung sind die Schriften der Bibel unter Einfluss des Heiligen Geistes, also mit göttlicher Hilfe entstanden. Bei der Entstehung haben demnach Gott und Mensch auf irgendeine Weise zusammengewirkt. Mit diesen göttlichen Gebeten beten wir jetzt, wiederum unter Einfluss des Geistes, der ja in uns Menschen wirkt, zu Gott. Dieses Gebet geschieht - beim gemeinsamen Gebet - in einer sichtbaren Gemeinschaft. Deutlicher als in dieser Gemeinschaft im Gebet unter Einbeziehung der vorangegangenen Generationen lässt sich diese Gott-Mensch-Mitmensch-Gemeinschaft kaum fassen. In dieser Gemeinschaft im Gebet, ist die endgültige himmlische Gemeinschaft auf die wir Christen für die Zukunft hoffen, zumindest anfanghaft angedeutet. Das gemeinsame Gebet steht also in enger Beziehung zu unserer himmlischen Hoffnung.

Bei der Verwendung fester Gebete, gerade bei der Verwendung der Psalmen, spielt nicht nur eine Rolle, was wir damit zu Gott sagen. Auch uns wird etwas gesagt. Wir haben die Psalmen ja nicht selbst geschrieben. Wir sind nicht nur Sprechende, sondern auch Zuhörende. Der Glaube kommt vom Hören. Wir hören Gott in den Psalmen und können so seinen Willen erkennen.
Wir empfangen Worte, die mehr als 2000 Jahre alt sind. Mag sein, dass das manchmal zu Problemen führt. Aber es ist vor allem eine ungeheure Chance: Sie vermitteln uns Einsichten anderer Menschen, auf die wir selbst nie gekommen wären. Deshalb können sie unser Gebetsleben, ja unser ganzes Leben bereichern. Selbst wenn man diese Texte immer wieder verwendet, entdeckt man an ihnen laufend neue Aspekte. Man lernt durch sie immer wieder neue Seiten Gottes und der Menschen kennen. Ich bezweifle, dass ein Menschenleben genügt, um ihren Reichtum auszuschöpfen.

 

 

 

 

 

Selbstverständlich darf das gemeinschaftliche nicht das persönliche Gebet ersetzen. Beide ergänzen sich gegenseitig. Beides gehört zusammen. Ob aber gemeinschaftliches Gebet möglich ist oder nicht, hängt meist von den Umständen ab. Deshalb wird zumindest in der römisch-katholische Kirchen meist nur von Ordensleuten häufig und regelmäßig in Gemeinschaft gebetet. Bei den anderen Konfessionen sieht es auch nicht besser aus. Hier muss darüber nachgedacht werden, wie sich dieser unbefriedigende Zustand verbessern lässt.
Auch der sonntägliche Gottesdienstbesuch bedeutet die Teilnahme an einem regelmäßigen Gebet der Gemeinschaft. Ein regelmäßiger Besuch kann ein Anfang sein, dass Gebet in der Gemeinschaft wieder zu entdecken und durch neue Treffen zu verstärken.

Gemeinsames Gebet gibt es nicht nur in der römisch-katholischen Kirchen. Als ein Beispiel für viele führe ich Morning und Evening Prayer in der anglikanischen Kirche an. Dabei handelt es sich um eine veränderte Form des Stundengebets. Zumindest beim traditionellen Ritus, also dem des Book of Common Prayer, sind die gleichen Grundelemente auf zwei Gebetszeiten verteilt. Diese Veränderung erleichtert es, es in den Tag zu integrieren. Man wollte versuchen, es ins Gemeindeleben und damit ins Gebetsleben des "Normalchristen" zu integrieren. Es ist von daher ein Beispiel, wie man das Stundengebet neuen Umständen angepasst hat.

Das gemeinschaftliche Gebet ist eine große Hilfe für jeden Christen. Es hilft dabei ein geregeltes Gebetsleben durchzuhalten. Alleine regelmäßige Gebetszeiten einzuhalten, ist oft schwierig. Sehr leicht lässt man sich vom Alltag ablenken. Eigentlich ist man aber - vor allem beim Stundengebet - "nur" physisch alleine. Im Geist der Liebe vereint beten Menschen auf der ganzen Welt gemeinsam, auch wenn sie nicht an einem gemeinsamen Ort versammelt sind.
Die Hilfe durch die Gemeinschaft erfährt man ja meist schon durch den Gottesdienstbesuch am Sonntag. Nicht jeder Sonntagsgottesdienstbesucher würde es schaffen, selber eine Stunde zu beten. Die Gemeinschaft der Betenden kann den Einzelnen ein Stück mittragen. Das heißt wiederum, jeder einzelne kann die anderen ein Stück mittragen. Vielleicht kann man das Geschehen dabei so zusammenfassen: Wir gehen beim gemeinschaftlichen Gebet mit Gottes Hilfe gemeinsam den Weg zu Gott.

Thomas Gerold

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