Theologie und Glaube


 

Das Vertrauen auf Gott trotz allen Leids

Bemerkungen nach dem großen Seebeben

 

Die Berichte über das große Seebeben im Indischen Ozean sind erschütternd. Ein Naturereignis hat mehr als 100 000 Menschen innerhalb kürzester Zeit getötet. Das ruft geradezu die Frage hervor, ob es angesichts solchen Leids einen guten Gott als Schöpfer dieser Welt geben kann. Hätte ein solcher Gott nicht eine weit bessere Welt geschaffen?

Dieses Argument scheint auf den ersten Blick nur schwer widerlegbar zu sein. Die Welt ist voller Leid. Das Erdbeben vom 26. Dezember macht das dauernde Leid nur besonders deutlich. Auch ansonsten wird andauernd in dieser Welt gestorben und gelitten. In dieser Minute stöhnen Kranke unter ihren Schmerzen auf, während andere im Sterben liegen und wieder andere um ihre Toten weinen. Das geschieht jetzt und das geschieht andauernd. Tag für Tag. Solange es auf Erden Menschen gibt, wird gelitten.

Doch ist mit dem Leiden - und sei es auch noch so schlimm - die Existenz Gottes widerlegt? Widerlegt ist nur die Existenz eines Gottes, dessen oberstes Ziel es wäre, die Menschen in diesem Leben vor Leid zu bewahren. Damit wird aber das Christentum gerade nicht widerlegt; denn es hat die Existenz eines solchen "Leidvermeidungsgottes" immer bestritten. Die Geschichte des Christentums beginnt mit Jesus, der am Kreuz unter grausamen Qualen starb. Das Leid widerlegt nicht das Christentum, es steht an dessen Anfang. Aber obwohl es sein Anfang ist, ist es nicht das Ziel des Christentums. Bei Jesus spielte es eine große Rolle, aber nach Leid und Tod kam die große Wendung in der Auferstehung. Wir Christen hoffen darauf, ja wir bauen sogar darauf, dass es sich mit dem Leiden der anderen Menschen ähnlich verhält. Wir erwarten die große Wendung in der Auferstehung, die uns in Christus angekündigt ist. Tod und Leid haben nicht das letzte Wort. Sie haben zwar im Augenblick die Oberhand - und zeigen uns dies auch mit aller Deutlichkeit - aber sie werden ein für allemal untergehen.

 

 

 

 

Dennoch bleiben Fragen offen: Hätte Gott keinen besseren Weg zur Auferstehung finden können, als den durch Leiden und Tod? Und wenn schon nur durch Leiden und Tod, warum dann nicht mit weniger Leid und Tod? Diese Fragen sind berechtigt. Aber zumindest Ansätze einer Antwort tun sich auf. In unserem Leben erfahren wir manches Leiden nicht nur als negativ, sondern es kann uns helfen, uns selbst in eine gute Richtung zu entwickeln. Es hilft uns, wahrhaft lieben zu lernen, wahrhaft für andere da zu sein, und ähnlich wie Christus für andere zu leiden, um ihnen zu helfen. Es hilft uns, wir selbst zu werden. Das erleben wir zwar - zumindest bewusst - nicht bei jedem Leid, das wir durchleiden, aber unser Wissen ist nun einmal begrenzt. Mag es nicht sein, dass jedes Leiden - unseres wie das der anderen - auf ähnliche Weise einen Sinn hat? Mag es nicht sein, dass Gott es deshalb zulässt, weil es in eine gute Richtung führt? Bei Gott heißt dies nicht, dass er deshalb die einen Menschen für die anderen opfern müsste. Gott lässt die Toten nicht im Stich. Er lässt sie nicht fallen, sondern nimmt sie in sein ewiges Leben hinein. Wenn er dies tut, dann verliert unser Leid, dann verlieren auch die Katastrophen der letzten Tage einen Teil ihres Schreckens. Sie verlieren dann ihre Endgültigkeit und erweisen sich als bittere Zwischenetappe auf dem Weg in wahres Leben.

All diese Überlegungen können uns helfen, trotz des Leidens Gott zu vertrauen. Das Leiden selbst nehmen sie uns nicht ab, sie nehmen ihm nur die Hoffnungslosigkeit. Aber diese ist das Schlimmste daran. Im Hoffen auf Gott können wir nämlich trotz allen Leidens weitergehen auf unserem Weg in die Ewigkeit Gottes, wo wir mit den Toten der letzten Tage, ja mit den Toten aller Tage vereint in unbeschreiblicher Freude leben werden. Dieser Weg führt zwar durch Leid und Tod, aber wir teilen ihn mit Christus, der uns selbst in Tod und Leid vorausgegangen ist.

Thomas Gerold

 

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