Persönlichkeiten von gestern und heute


 

KARL RAHNER (1904-1984)

Es dürfte keine Übertreibung sein zu behaupten, dass kaum ein anderer deutschsprachiger Theologe die katholische Theologie des 20. Jahrhunderts in dem Maße beeinflusst hat wie Karl Rahner. Von eher kleiner Statur, aber mit gewaltiger Stimme nahm er Stellung zu den Problemen seiner Zeit, durchdrungen von dem Bemühen, den christlichen Glauben für den Menschen der Gegenwart zu bedenken und verständlich zu machen.

 

Biographisches


Am 5. März 1904 als viertes Kind des Ehepaares Karl (1868-1934) und Luise Rahner (1875-1976), geb. Trescher, in Freiburg i. Br. geboren, wächst Karl Josef Erich Rahner in einer "normalen" christlichen Familie des Mittelstands auf. Von Rahners Schulzeit ist bekannt, dass er sich von einem mittelmäßigen Schüler in den ersten Jahren hin zu einem der Besten der Klasse entwickelt. Noch vor dem Abitur, das er 1922 absolviert, beabsichtigt er, in den Orden der Gesellschaft Jesu einzutreten.
So beginnt Rahner 1922 in Feldkirch/Tisis (Vorarlberg) das Noviziat, Philosophiestudium und Junioratsmagisterium folgen. Ab 1929 studiert er Theologie an der ordenseigenen Hochschule in Valkenburg/Niederlande. 1932 empfängt er in St. Michael, München, die Priesterweihe. 1933 schließt Rahner seine Studien in Valkenburg ab. Die Ordensoberen sehen ihn künftig als Dozenten für Geschichte der Philosophie vor; so geht Rahner 1934 nach Freiburg i. Br., um dort seine philosophischen Studien weiterzuführen. Doch die philosophische Promotion scheitert - die letzten Gründe hierfür bleiben im Ungewissen.
Da an der von den Jesuiten geleiteten Theologischen Fakultät in Innsbruck ein neuer Dozent für Dogmatik gesucht wird, verlässt Rahner die bisher eingeschlagene Richtung und beginnt das Promotionsstudium in Theologie. Im Sommer 1936 nach Innsbruck gekommen, kann Rahner schon im Juli seine Promotionsschrift einreichen: "E latere Christi - Der Ursprung der Kirche als zweiter Eva aus der Seite Christi des zweiten Adam. Eine Untersuchung über den typologischen Sinn von Jo 19,34". Ein Jahr später kann das Habilitationsverfahren abgeschlossen werden, im Wintersemester 1937/38 nimmt Rahner seine Lehrtätigkeit an der Theologischen Fakultät in Innsbruck auf. Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich und der Auflösung der Theologischen Fakultät in Innsbruck arbeitet Rahner während des Krieges am Wiener Seelsorge-Institut mit. Im Sommer 1944 verbringt er einen Ferienaufenthalt in Niederbayern und kann schließlich wegen der angespannten politischen Lage nicht nach Wien zurückkehren. So ist er bis August 1945 in der Seelsorge in Niederbayern tätig.
Nach dem Krieg hält Rahner bis 1948 theologische Vorlesungen im Berchmanskolleg in Pullach bei München, im August kehrt er an die Theologische Fakultät in Innsbruck zurück und ist dort von 1949 bis 1964 als ordentlicher Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte tätig. Neben seiner Vorlesungstätigkeit an der Universität und einer Fülle auswärtiger Vorträge engagiert sich Rahner auch in der Seelsorge. Darüber hinaus arbeitet er in mehreren Arbeitskreisen, darunter der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen in Deutschland, mit. Besonders in den 50er und 60er Jahren tritt Rahners Engagement bei der Herausgabe von Nachschlagewerken und Reihen hervor, u.a. bei der Herausgabe der zweiten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche. Sein Einsatz für die Verkündigung des christlichen Glaubens im Hier und Heute bringt ihm in diesen Jahren aber auch vermehrt Kritik aus Rom ein. Dennoch wird er 1959 in die Vorbereitungskommission für die Disziplin der Sakramente im Blick auf das geplante Konzil berufen. Der Wiener Erzbischof, Franz Kardinal König, bestimmt ihn zu seinem privaten Konzilsberater, schließlich ernennt Papst Johannes XXIII. Rahner zum Peritus - Rahner wird zu einem der einflussreichsten Theologen des II. Vatikanischen Konzils.
Während des Konzils wechselt Rahner von Innsbruck an die Ludwig-Maximilians-Universität München (1964), wo er die Nachfolge Romano Guardinis auf dem Lehrstuhl für christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie antritt. 1967 verlässt er München, um die ihm angebotene Professur für Dogmatik und Dogmengeschichte in Münster anzunehmen. 1971 beendet Rahner schließlich seine Laufbahn als Universitäts-Professor.
Von 1971-1975 ist Rahner Synodaler der Würzburger Synode. Allerdings lassen sich bei Rahner nun zunehmend kritische Worte gegenüber den offiziellen Entwicklungen auf der Ebene der Weltkirche feststellen. Seine Sorge gilt der konsequenten Umsetzung der Neuaufbrüche des Konzils, wogegen ihm einzelne Entwicklungen in der Kirche der Zeit eher als rückwärtsgewandt, als "Marsch ins Ghetto" erscheinen.
1981 siedelt Rahner von München wieder nach Innsbruck um. Mittlerweile leidet sein Gesundheitszustand unter dem schier unbewältigbaren Arbeitspensum. Mancher Einladung zu geistlichen Gesprächen gibt er gegenüber wissenschaftlichen Vorträgen nunmehr den Vorzug. Kurz nach seinem 80. Geburtstag stirbt Rahner am 30. März 1984, am 4. April finden Requiem und Beisetzung in Innsbruck statt.

 

Theologisches

Gegenwärtig entsteht eine kritische Ausgabe des Schrifttums Rahners unter dem Titel "Karl Rahner. Sämtliche Werke", Freiburg i. Br.


Karl Rahner verfasste nicht ein großes, "durchschlagendes" Buch; vielmehr war seine Arbeit geprägt von dem Bedenken der Fragen der Zeit. Sein Werk besteht neben einigen Monographien vor allem aus einzelnen Artikeln für Handbücher sowie Aufsätzen, die zusammengefasst den Umfang von 16 Bänden "Schriften zur Theologie" ergeben. Als Wegweisung in die theologischen Ansätze Rahners kann sein "Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums" (Freiburg i. Br. 1976) dienen; dieses Spätwerk Rahners kann als eine knappe Zusammenfassung seiner Grundthesen gewertet werden, gleichzeitig muss aber auch berücksichtigt werden, dass sich der "Grundkurs" nicht als "Dogmatik" versteht, sondern das Ganze des Christentums auf einer ersten Reflexionsstufe aussagen und verantworten will, das heißt von einer spezifischen Methodik geprägt ist.
Kennzeichnend für die Theologie Rahners ist die Konzentration auf eine Mitte; als diese Mitte lässt sich die freie, geschenkhafte Selbstmitteilung Gottes an den Menschen benennen. Gott in sich selbst und in seiner Selbstmitteilung in Inkarnation und Gnade ist Ursprung, Mitte und Ziel der christlichen Heilswirklichkeit. Erst wenn gesagt wird, dass Gott nicht bloß der immer fern bleibende Gründer und Garant der menschlichen Existenz, sondern "innerhalb eines Gott und Welt radikal unterscheidenden Gottesbegriffes dennoch Gott selber die innerste Mitte der Wirklichkeit der Welt und die Welt in Wahrheit das Schicksal Gottes selber ist, ist der wirklich christliche Gottesbegriff erreicht" (Schriften XV, 190). Dieser Gott teilt sich dem Menschen frei in der Geschichte mit, es gibt eine wirkliche geschichtliche Ereignishaftigkeit der Selbstmitteilung Gottes, gleichzeitig aber auch einen ewigen Heilsplan Gottes. Als die unüberbietbare (Ur-)Gestalt dieses göttlichen Mysteriums, wie es sich in der Heilsgeschichte dem Menschen gibt, erweist sich die hypostatische Union von göttlichem Logos und menschlicher Wirklichkeit in Jesus Christus. Von daher kommt bei Rahner die Kategorie des "(Real-)Symbols" als Bezeichnung jener Grundgestalt in den Blick, welche das Heilshandeln Gottes in der Geschichte insgesamt kennzeichnet. (Real-)Symbol meint bei Rahner die "höchste und ursprünglichste Repräsentanz, in der eine Wirklichkeit eine andere (...) gegenwärtig macht, ‚da-sein' läßt" (Schriften IV, 279). Im Blick auf die Heilsgeschichte fasst dieser Begriff zusammen, wie die Nähe Gottes unter den Bedingungen von Welt und Geschichte erfahren werden kann, wie Gott diese Nähe für uns anschaulich und wirksam macht.

 

 

 

 

 

Mit der Konzentration auf die Selbstmitteilung Gottes eng verbunden ist Rahners Anliegen, die Dreifaltigkeit Gottes wieder als Heilswirklichkeit für den Menschen anschaulich zu machen und aus ihrer weitgehenden Unerheblichkeit für das persönliche Gottesverhältnis herauszuholen. Bekannt geworden ist Rahners These: "Die ‚ökonomische' Trinität ist die ‚immanente' Trinität und umgekehrt" (MySal 2, 328).
Neben der Besinnung auf die "Mitte" des christlichen Glaubens ist Rahners theologische Reflexion methodisch im wesentlichen von einem zweifachen Ansatz geprägt: Er fragt zum einen nach den Bedingungen der Möglichkeit für das Hörenkönnen der christlichen Botschaft im Menschen selbst (transzendental-anthropologischer Ansatz); dabei geht es jedoch nicht um Voraussetzungen, die einfach als fremde an die christliche Botschaft herangetragen würden, sondern es sind Bedingungen, die sich diese gleichsam selbst im Menschen schafft, insofern sie den Menschen vor die wirkliche Wahrheit seines Wesens ruft. Zum anderen fragt er von den Daten der konkreten Heilsgeschichte her nach der Selbstmitteilung Gottes und deren Vermittlung in Welt und Geschichte (heilsgeschichtlich-christologischer Ansatz).
Die Intention Rahners, verschüttetes Erbe aus patristischer Zeit für heutige Theologie fruchtbar zu machen und auf dieser Grundlage Neuansätze zu wagen, macht sich bemerkbar in seiner Option für ein personales Offenbarungsverständnis, in einem neuen Bedenken der Christologie, die aus manchem Missverständnis in Frömmigkeit und Lehre herauszulösen ist, in der Sicht der Kirche als "(Grund-)Sakrament", in der "kopernikanischen Wende" im Sakramentsverständnis sowie in der bekannt gewordenen Theorie vom "anonymen Christen", um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

 

Wirkungsgeschichtliches

Karl Rahner war ein Mensch seiner Zeit; er bemühte sich, auf jene Fragen, welche die gegebene Situation an das Christentum und die Theologie stellte, eine Antwort zu finden. So kommt es, dass die Antwortversuche Rahners nicht immer genau die Probleme tangieren, die uns Christen heute berühren. Aber doch hat uns Karl Rahner auch heute noch etwas - und nicht Weniges - zu sagen.
Was Rahners theologische Thesen anbelangt, so beeinflussen diese die heutige theologische Landschaft durch mehrere Faktoren: Einmal sind es die vielen, die bei Karl Rahner studiert haben, die bei aller Eigenständigkeit gegenüber ihrem "Vater im Glauben" - es gibt keine "Rahner-Schule" - doch die Grundthesen Rahners und dessen Methode des Theologisierens weitervermitteln. Sodann gibt es auch heute noch kaum ein dogmatisches Handbuch, Lexikon oder selbst eine Dissertation zu einem dogmatischen Thema, die nicht auf einen Aufsatz Rahners verweisen. Darüber hinaus fällt ein großer Teil der Wirkungsgeschichte der Theologie Karl Rahners zusammen mit der Wirkungsgeschichte des II. Vatikanischen Konzils, bei dem er als Peritus teilnahm und in seiner theologischen Kompetenz gehört wurde. Man kann in den Texten des Konzils nicht einzelne Sätze herausfiltrieren, die man wörtlich auf das "Konto" Karl Rahners verbuchen könnte; und doch ist in ihnen die Theologie Rahners (und selbstverständlich auch anderer Theologen) in weiten Teilen präsent: Man könnte hier die heilsgeschichtliche und personale Sicht der Offenbarung in "Dei Verbum" nennen, das sakramentale Verständnis der Kirche in "Lumen Gentium", die im Vergleich zu früheren Zeiten "heilsoptimistischere" Haltung gegenüber den Nichtchristen und Atheisten etwa in "Gaudium et spes", auch die Option für die Gewissensfreiheit (vgl. "Dignitatis humanae").
Die Wirkungsgeschichte der Theologie Karl Rahners erschöpft sich jedoch nicht in der Aufnahme und Weitergabe seiner theologischen Thesen. Es gilt vielmehr, noch eine andere Wirkung "seiner" Theologie anzusprechen, die nicht einfach gleichsam "da" ist, sondern in der gegenwärtigen und künftigen Theologie immer wieder neu einzulösen bleibt: Es ist die Einheit von Theologie und Leben, anders gesagt: die Theologie, die aus der Erfahrung der göttlichen Gnade heraus entsteht und gleichzeitig wiederum zu dieser anleiten will. Wenn man dabei im Blick auf die Erfahrung der Gnade den Hinweis auf spektakuläre Ereignisse erwartet, wird man allerdings enttäuscht; es ist gerade die Gotteserfahrung des "durchschnittlichen" Christen, die Rahner zur Sprache bringen will. Die Erfahrung Gottes geschieht am "Material des normalen Lebens, dort also, wo Verantwortung, Treue, Liebe usw. absolut getan werden" (Schriften XIII, 247), sie ereignet sich dort, wo die gewöhnlichen, manchmal beschwerlichen Pflichten des Alltags getan und angenommen werden. Dabei ist diese Erfahrung nicht rein individualistisch zu denken, auch wenn der einzelne immer als einzelner unvertretbar vor Gott steht; gemäß der Einheit von Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe hat diese Erfahrung grundsätzlich eine kirchliche und auch gesellschaftspolitische Komponente.
Diese Einheit von Theologie und Gnadenerfahrung, die in der neuscholastischen und antimodernistischen Theologie fast einem Auseinanderbrechen von Lehre und Frömmigkeit gewichen war, ist es, die - bei aller Bedeutsamkeit der einzelnen theologischen Thesen Rahners - vielleicht doch das entscheidende, wohl auch schwierigste Vermächtnis Rahners ausmacht; sie ruft die Theologie dazu auf, in einem "Tutiorismus des Wagnisses" unter Bezugnahme auf die Erfahrung der Glaubenden den Glauben in einer je veränderten Zeit in kritischem Dialog mit der Gegenwart immer wieder neu zu bedenken, sie ruft den einzelnen, aber auch die Kirche als Ganze dazu auf, mutig neue Erfahrungen zu machen und diese in kritischer, oft wohl auch schmerzlicher Assimilation in das Selbstverständnis der Kirche aufzunehmen.

 

Birgitta Kleinschwärzer-Meister

 

Frau Dr. Brigitta Kleinschwärzer-Meister ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ökumenischen Forschungsinstitut der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Ihre Dissertation "Gnade im Zeichen. Katholische Perspektiven zur allgemeinen Sakramentenlehre in ökumenischer Verständigung auf der Grundlage der Theologie Karl Rahners" ist 2001 erschienen.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Artikel:

Persönlichkeiten von gestern und heute- Startseite

31.07.2003