Persönlichkeiten von gestern und heute
Papst Bonifaz VIII.
Zwischen Weltherrschaftsanspruch und Selbstverkennung

Einführung
Papst Bonifaz VIII. (1235-1303) ist ohne Zweifel eine der schillerndsten, bedeutendsten aber auch umstrittensten Papstpersönlichkeiten des Mittelalters, und auf diesem Hintergrund lohnt es sich, sein Leben und Wirken an dieser Stelle kritisch nachzuzeichnen. Bonifaz VIII. erneuerte ein letztes Mal in vollem Umfang den universellen Weltherrschaftsanspruch des Papsttums, welcher noch ein knappes Jahrhundert zuvor unter Innozenz III. erfolgreich gegenüber der weltlichen Gewalt praktiziert worden war. Als Resultat dieses erneuerten päpstlichen Machtanspruches geriet Bonifaz in jahrelange Streitigkeiten mit König Philipp IV. von Frankreich (1268-1314).

Papst Bonifaz VIII.
(Quelle: http://www.comune.anagni.fr.it/)

Dieser Konflikt markierte den Ausgangspunkt des Konfliktes zwischen Papsttum und Frankreich, dessen Höhepunkt ein Dreivierteljahrhundert später das Abendländische Schisma, und damit die Gegenpäpste in Avignon darstellten. Des Weiteren ließ sich Bonifaz während seines achtjährigen Pontifikates prächtige Bauwerke errichten, mehrte sein Privatvermögen beträchtlich, betraute etliche seiner Verwandten mit geistlichen Ämtern und versah sie mit kirchlichen Ländereien. Seine Gegner innerhalb der Kurie, wie das Beispiel der beiden Kardinäle aus der Familie Colonna in drastischer Weise aufzeigt, liess er verfolgen, vertreiben und exkommunizieren. Deren Familienbesitz wurde verheert, letzlich mussten die Colonna im Jahre 1297 an den Hof Philipps von Frankreich in die Verbannung entfliehen. Seinen zurückgetretenen Vorgänger, Papst Coelestin V., ließ Bonifaz bis zu dessen Tod inhaftieren, um seinen Gegnern ein geeignetes Argument gegen seine legitime Papstwahl zu entziehen.

Die umstrittene Wahl zum Papst
Bonifaz VIII. wurde um 1235 als Benedetto Gaetani in Anagni geboren, einer kleinen Stadt südlich von Rom, welche größtenteils im Familienbesitz seiner wohlhabenden und einflussreichen Familie war. Benedetto wurde im Jahre 1281 Kardinaldiakon, zehn Jahre später Kardinalpresbyter und galt als Experte der römischen Kurie in französischen Angelegenheiten. Sein Vorgänger, der sogenannte "Engelspapst" Coelestin V., dankte am 13. Dezember 1294 ab. Er war erst am 5. Juli desselben Jahres nach mehr als zweijährigem Ringen des zerstrittenen Kardinalskollegiums gegen seinen Willen zum Papst erhoben worden. Bald aber stellte sich heraus, dass der ungebildete Eremit Coelestin mit der politischen Leitung und Verwaltung der Kirche überfordert war. Damit nicht genug, er wurde gar zum Spielball der römischen Kurie und Karls II. von Anjou, dem Herrscher von Neapel. Kardinal Benedetto Gaetani überredete den sich mehr und mehr zurückziehenden Papst letztlich zur Abdankung (der einzig historisch belegte Rücktritt eines Papstes) und bereitete ihm die juristischen Grundlagen dafür. Das Kardinalskollegium wählte Benedetto Gaetani, der schon unter seinem Vorgänger Coelestin V. mehr oder minder die Leitung der Kirche innehatte, am 24. Dezember 1294 zum Papst. Seine innerkirchlichen Widersacher jedoch, die Franziskaner und die Kardinäle Colonna, erkannten die Amtsniederlegung Coelestins und die Legitimität der Wahl des Bonifaz nicht an. So fand Bonifaz als neugewähltes Oberhaupt der Kirche keinen anderen Ausweg, als Coelestin bis zu dessen Tod im Jahre 1296 einzusperren, um seine Ausrufung zum Gegenpapst zu verhindern.

Das Jubeljahr 1300
Der Höhepunkt des Pontifikates Bonifaz VIII. war das Jahr 1300, das er zum Jubeljahr ausrufen ließ (nach dem Vorbild des alttestamentarischen "Jobeljahres"), welches künftig alle 100 Jahre stattfinden sollte. Nach abgelegter Beichte und Besuch der Basiliken Petrus und Paulus erlangten die Christen im Zuge dieses Jubeljahres den vollkommenen Ablass aller Sünden. Infolgedessen kamen gewaltige Pilgerströme aus aller Welt nach Rom, und mit ihnen große Mengen Geldes. Aufgrund dieser Maßnahme begann das Ansehen des Papstes ins Unermessliche zu steigen, aber auch seine Selbstüberschätzung. Das Volk vergaß Bonifaz die brutale Niederwerfung seiner Gegner, die Inhaftierung Coelestins und die persönliche Bereicherung seiner Familie Gaetani.

Der Konflikt mit Frankreich
Bonifaz agierte als eminent politischer und streitbarer Papst und mischte sich, wo es ihm möglich und nützlich schien, in weltliche Streitfragen ein, um das Primat des Papstes gegenüber der weltlichen Gewalt zu vertreten. Vornehmlich König Philipp IV. von Frankreich wurde ihm dabei im Verlaufe seines Pontifikates zum Gegenspieler. Der Machtkampf nahm seinen Anfang, als Papst Bonifaz am 25. Februar 1296 in der Bulle "Clericis laicos" die Besteuerung des französischen Klerus zur Finanzierung des französisch-englischen Krieges aufs Schärfste verurteilte und alle betroffenen Fürsten mit dem Kirchenbann bedrohte. Er musste aber nach einem Handelsboykott Frankreichs von seiner entschiedenen Position abrücken. Der Burgfriede zwischen Frankreich und der Kurie war allerdings nur von geringer Dauer.

Bernhard de Saisset, der Bischof von Pamiers, machte im Jahre 1301 als päpstlicher Legat dem französischen König schwere Vorwürfe in Bezug auf Verletzungen klerikaler Rechte und forderte den Einsatz kirchlicher Steuereinkommen für einen Kreuzzug. Sein Auftreten war anmaßend und verletzend, und so wurde Saisset des Hochverrats und der Majestätsbeleidigung angeklagt und für schuldhaft befunden. Bonifaz geriet darüber in Zorn, forderte die sofortige Freisetzung des Bischofs und lud Philipp in der Bulle "Ausculta fili" zu sich nach Rom, um vor einer Synode französischer Bischöfe am 1. November 1302 Rechenschaft abzulegen. Philipp ließ den Bischof daraufhin frei und verwies ihn, sowie den päpstlichen Nuntius des Landes. Das Original der päpstlichen Bulle ließ er nach dem Verlesen verbrennen, dem Reichstag in Paris wurde die Fälschung "Deum time" vorgelegt, welche die päpstliche Bulle an Schroffheit weit übertraf. So erreichte Philipp, dass die französischen Reichsstände ihm ihre Hilfe im Kampf gegen Papst und Kurie zusagten.

  Päpstliches Weltherrschaftsstreben
Trotz eines Verbotes durch König Philipp nahmen viele französische Kirchenvertreter an der am 30. Oktober 1302 beginnenden römischen Synode teil, zu welcher der Papst in seiner bereits erwähnten Bulle "Ausculta fili" geladen hatte, die das Verhältnis zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt klären sollte. Das Ergebnis der synodalen Beratungen war die Bulle "Unam sanctam" vom 18. November 1302, die schärfste Ausprägung päpstlicher Weltherrschaftsgedanken. Dort wird die "Zwei-Schwerter-Lehre" ausgeführt. Es wurde argumentiert, es gebe zwei Schwerter, von denen das geistliche von der Kirche, das weltliche für die Kirche verwendet werden müsse (Berufung auf Lk 22, 38). Die Kirche übertrage das weltliche Schwert den Fürsten unter der Voraussetzung, dass sie es "auf den Wink und die Zulassung des Priesters" führten. Wer sich der geistlichen Gewalt widersetze, widersetze sich der Anordnung Gottes. Demnach sei es für alle Menschen heilsnotwendig, dem römischen Bischof untertan zu sein.

Die Niederlage gegen Philipp IV.
König Philipp IV. berief daraufhin zum 13. Juni 1303 eine Versammlung nach Paris, auf der schwerste Beschuldigungen gegen den Papst vorgebracht wurden. Man beschloss, an ein allgemeines Konzil zu appellieren, vor dem sich Bonifaz VIII. zu verantworten habe. Guillaume de Nogaret, Vizekanzler des französischen Königs, verband sich mit Sciarra Colonna, einem Mitglied der von Bonifaz vertriebenen römischen Adelsfamilie, zu einer Verschwörung gegen den Papst. Im Gegenzug sollte am 8. September 1303 in der Kirche von Bonifaz Heimatstadt Anagni die bereits unterschriebene Bannbulle gegen König Philipp IV. verkündigt werden, doch am Morgen des Vortages drangen Nogaret und Colonna mit bewaffneten Truppen in die Stadt ein, um den Papst zum Einlenken zu zwingen. Bonifaz verweigerte jegliche Zugeständnisse und wurde daraufhin zwei Tage lang in seinem Palast gefangen gehalten. Die Bürger von Anagni befreiten ihn, den großen Sohn der Stadt, schließlich am 9. September. Nogaret und Sciarra Colonna mussten fliehen. Der Papst kehrte am 25. September gedemütigt und gebrochen nach Rom zurück, starb aber kurz darauf am 12. Oktober 1303.

Um zu einer objektiven Beurteilung des Geschehens zu kommen, darf man die Akteure Bonifaz und Philipp allenfalls nicht aus den Umständen ihrer Zeit herauslösen. Beide Seiten hatten aus ihrer jeweiligen Sichtweise durchaus berechtigte Ansprüche, die uns heute vielleicht schwer verständlich scheinen. Bonifaz VIII. hatte nicht akzeptieren wollen, dass die Zeiten päpstlicher Universalherrschaft endgültig vorüber waren. Konnte Papst Innozenz III. sich 80 Jahre zuvor noch gegen untereinander zerstrittene europäische Fürsten durchsetzen, so hatten sich die Umstände bis zum Pontifikat des Bonifaz stark gewandelt. Der aufstrebende und machthungrige König Philipp IV. von Frankreich, der sich anschickte, die dominierende Stellung in Europa einzunehmen, war nunmehr nicht gewillt, sich dem Papsttum unterzuordnen. Schließlich musste dieser politische Papst fast zwangsläufig an diesem Machtkampf mit seiner mächtigen weltlichen und kirchlichen Gegnerschaft scheitern, die er sich durch seinen teils brutalen Konfrontationskurs zugezogen hatte. Der Anspruch des Papsttums, eine universell beherrschende Rolle einzunehmen, nahm mit der Niederlage Bonifaz VIII. gegenüber Philipp von Frankreich sein unwiderrufliches Ende. Philipp IV. "vernichtete (...) die Idee der allgemeinen Autorität" (Leopold von Ranke) des Papstes. Der Niedergang päpstlicher Machtfülle verschärfte sich in der Folgezeit. Dies führte, zusammen mit den Spannungen zwischen Papsttum und Frankreich, im Jahre 1378 zum Abendländischen Schisma, welches die Kirche für annähernd vierzig Jahre spalten sollte.

Stefan A. März


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