Persönlichkeiten von gestern und heute



John Wesley

Anglikanischer Visionär und Avantgardist im England des 18. Jahrhunderts

 

Wer durch englische Städte fährt, den erinnern noch heute beeindruckende Monumentalbauten an den Glanz des georgianischen Zeitalters. Sie entstanden im 18. Jahrhundert, das von einer durchgängigen Vision der klassischen Antike geprägt war. In allen Bereichen des Kunst- und Geisteslebens - Literatur, Philosophie, Sprachen, Geschichte, Erziehung, Architektur, Bildende und Darstellende Künste und Musik - vollzog sich die Wiederbelebung einer reinen, antiken Kultur. Ermöglicht wurde diese kulturelle Hochentwicklung sowohl durch die koloniale Expansion des Empires als auch durch eine Zeit innenpolitischen Friedens und epochemachender technischer Errungenschaften und ökonomischer Entwicklungen, durch die England im 18. Jahrhundert international zur bedeutendsten Finanz- und Handelsmacht avancierte. Die Kehrseite dieses grandiosen Aufstiegs war eine damit ursächlich verbundene rapid zunehmende Verarmung der Landbevölkerung. Und die einsetzende Massenabwanderung in die Großstädte und Industriezentren führte dort zu katastrophalen Zuständen, denen die bestehenden sozialen Fürsorgesysteme nicht gewachsen waren.

 

Avantgardisten im London des 18. Jahrhunderts

In diese Zeit fällt die Wirksamkeit von John Wesley (1703-1791). Was den jungen anglikanischen Geistlichen mit anderen Vertretern der damaligen Avantgarde verband, war: Sie alle hatten mit dem menschenverachtenden Zynismus und der Gleichgültigkeit gebrochen, die ihre Zeitgenossen dem Elend entgegenbrachten, in dem ein Großteil der englischen Bevölkerung lebte.

So rückte der Maler und Kupferstecher William Hogarth (1697-1764) durch sozialkritische Arbeiten die Not der Unterschicht, den Alkoholismus, das zügellose und ausschweifende Leben der Aristokratie und die Korruption in Regierungskreisen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Unverblümt zeigte er, wo die endeten, die die Armut auf dem Land in die Stadt getrieben hatte: in Asozialität, Alkoholismus und Kriminalität. Mit seinem Realismus verfolgte Hogarth das Ziel, aufklärend und erzieherisch auf seine Zeitgenossen zu wirken. Auch Jonathan Swift (1667-1745) hatte seinen 1726 veröffentlichten satirischen Roman Gullivers Reisen in der Absicht verfasst, das Verlogene und Scheinhafte der damaligen Gesellschaft anzuprangern. Der Lyriker John Gay (1865-1732) schuf zusammen mit dem Komponisten und Musiktheoretiker Johann Christoph Pepusch (1667-1752) "The Beggar's Opera" (Betteloper), in der sie dem Londoner Publikum die Verhältnisse ihrer Stadt ungeschminkt vorführten. Das Stück wurde unter der Intendanz des Theaterunternehmers John Rich (1685?-1761) zu einem überwältigenden Opererfolg, wie es ihn bisher in London so noch nie gegeben hatte.

Bemerkenswert an dem Künstlerkreis um Rich war, dass ihm Mitglieder und Sympathisanten der methodistischen Erweckungsbewegung angehörten, wie der aus Sachsen stammende Komponist Johann Friedrich Lampe (1692?-1751) oder die Frau des Theatermanagers Priscilla Rich. Nach anfänglichem Zögern wurde Rich sogar selbst ein Freund und Bewunderer dieses neuen Aufbruchs. Und nicht zuletzt gehörten die Führer der methodistischen Bewegung zu diesem Kreis: Die Brüder John und Charles Wesley. Ob Hogarth, Swift oder die Wesleys - sie alle waren nicht bereit, um materiellen Wohlstands oder einer beruflichen Karriere willen vor der Wirklichkeit die Augen zu verschließen. In ihrem Denken, Reden und Schaffen folgten sie einzig ihrer Intuition. Und so wurden sie in ihrem jeweiligern Berufsstand als Dichter, Maler, Musiker oder Geistliche zu Propheten ihrer Zeit. Sie nahmen das Elend wahr, erkannten zumindest teilweise ihre Ursachen, äußerten Kritik, mahnten ihre Zeitgenossen zur Umkehr und setzten sich für eine Verbesserung der Zustände und Rettung der Menschen ein.

 

Der Methodismus John Wesleys - Programm für eine radikale Kulturreform

Die allgemeine Besinnung auf die Klassik im England des ausgehenden 17. und 18. Jahrhunderts hatte auch eine religiöse Entsprechung: Englische Theologen entdeckten die Bedeutung der klassischen, frühchristlichen Praxis und Theologie. Was John Wesley mit ihnen verband, war, dass auch für sein Schaffen die Wiederbelebung der christlichen Antike die leitende Idee war. Was ihn von ihnen allerdings unterschied, war, dass er die klassische christliche Antike nicht etwa in konservativem Sinn als Rechtfertigung für die gegenwärtige Situation heranzog, sondern daraus zu einer ganz eigenen Vision über die Frömmigkeit und Gestalt des Urchristentums und der frühen Kirche inspirierte wurde, von deren Wiederbelebung und Umsetzung er sich die Überwindung der geistlichen wie auch der gesellschaftlichen Not versprach. Die Ambivalenz, die er in dem einerseits geistig aufgeklärten und andererseits so korrumpierten römischen Imperium wahrnahm, erkannte er auch als ein Charakteristikum der britischen Kultur. Während die meisten seiner Pfarrkollegen ihrem Selbstverständnis nach das Christentum in einer christlichen Gesellschaft verwalteten, sah Wesley sich als einen, der gleich den ersten Christen das Evangelium in einer weitgehend heidnischen Welt zu bezeugen hatte. In wahrhaft "urchristlicher" Orientierung verstand er den Methodismus als ein Mittel Gottes, um die Menschen seiner Zeit von ihrem nominellen Christentum zu einem lebendigen zu bekehren und sie auf diesem Weg aus ihrer Not zu retten. Diese radikale durch das urchristliche Vorbild motivierte Kritik an den kirchlichen Verhältnissen, die er als Ursache für die soziale Not ansah, kommt in einem Gedicht seines Bruders Charles Wesleys (1707-1788) in ihrer ganzen Schärfe zum Ausdruck:

1. Ye pastors hired who undertake
the aweful ministry
for lucre or ambition's sake,
a nobler pattern see!
Who greedily your pay receive,
and adding cure to cure,
in splendid ease and pleasures live
by pillaging the poor.

2. See here an apostolic priest,
commissioned from the sky,
who dares of all vain self divest,
the needy to supply!
A primitive example rare
of gospel-poverty,
to feed the flock one's only care,
and like the Lord to be.

 



 

 

 

Der soziale Gedanke

Der Methodismus der Wesleys war nicht nur auf die Einkehr bei Gott und eine persönliche Frömmigkeit ausgerichtet, sondern bot den Menschen eine Perspektive zur Überwindung ihrer ganz elementaren materiellen Nöte. "Liebe" wurde in der wesleyanischen Theologie zu einem Schlüsselbegriff und beschrieb nicht nur die Erfahrung Gottes, sondern galt als Barmherzigkeit gegenüber Kranken, Armen, Kindern und Gefangenen, zu der die Methodisten als eine grundlegende christliche Tugend und Regel verpflichtet waren. Um diesen wichtigen sozial-karitativen Dienst der Kirche tun zu können, sollten die Methodisten in Gütergemeinschaft leben und regelmäßig Fastentage und Zeiten der Enthaltsamkeit einhalten. Unmissverständlich betonte Wesley im Vorwort der ersten Liedersammlung mit Gedichten seines Bruders, dass persönliche Frömmigkeit ein Leben praktischer Frömmigkeit hervorbringt: "Das Evangelium Christi kennt keine Religion, außer sozialer; keine Heiligkeit außer sozialer Heiligkeit. Glaube, der durch die Liebe tätig wird, ist die Länge, Breite, Tiefe und Höhe christlicher Vollkommenheit." Und es ist sehr bezeichnend dafür, an welcher gesellschaftlichen Front die methodistische Bewegung ihren Kampf führte, wenn in der Poesie Charles Wesleys dieselben Helden erscheinen, wie sie etwa auch in Pepuschs "Betteloper" im Mittelpunkt stehen, nämlich Dirnen, Diebe und Räuber:

Outcasts of men, to you I call,
Harlots, and publicans and thieves!
He spreads his arms t'embrace you all
Sinners alone his grace receives:
No need of him the righteous have;
He came the lost to seek and save.

oder:
The poor as Jesus' bosom-friends,
the poor he makes his latest care,
to all his followers commends,
and wills us to our hands to bear;
the poor our dearest care we make,
aspiring to superior bliss,
and cherish for their Saviour's sake,
And love them with a love like his.

 

John Wesleys Platz in der christlichen Tradition

Während seines ganzen fast 90-jährigen Lebens blieb John Wesleys Vorstellung von christlicher Antike das grundlegende Leitbild für sein Schaffen: Ging es ihm in den Oxforder Studienjahren und während seines Missionsdienstes in Georgia um die Wiedereinführung altkirchlicher Liturgie und eines urchristlichen Gemeinschaftsgedankens, konzentrierte sich sein Interesse während der Erweckungszeit auf die Erneuerung einer frühkirchlichen Spiritualität und Gestalt von Gemeinschaftsarbeit. Inspiriert wurde er dabei auch durch den kontinentaleuropäischen Pietismus, in dem er Formen christlichen Lebens und theologische Vorstellungen seiner Vision der christlichen Antike verwirklicht sah. In seinen letzten Lebensjahren diente ihm die Alte Kirche als Orientierung in Fragen der kirchlichen Verfassung der mittlerweile zu einer mächtigen Bewegung angewachsenen methodistischen Erweckung. Der Methodismus J. Wesleys als Reformmodell und sein Einsatz, um damit aktiv seine Kirche zu erneuern, bewirkte tatsächlich nachhaltige Veränderungen in der angelsächsischen Kultur. Seine Besonderheit war ein ganz bestimmter christlicher Radikalismus, der Wesleys Bild des frühen Christentums entsprang. Damit steht John Wesley als eigenständiger, anglikanischer Visionär und Avantgardist in der Reihe der großen religiösen Reformer.

Friedemann Burkhardt

 

Dr. Friedemann Burkhardt ist Pastor der Evangelisch Methodistischen Kirche in München. Zu seinen Veröffentlichungen gehören seine Dissertation über den frühen deutschen Pietisten Christoph Gottlob Müller sowie Gottes Hausverwalter. Eine kirchengeschichtliche Untersuchung des Amtes und Begriffs "Verwalter" im Blick auf seine Verwendung in der EMK in Deutschland.

 

 

 

 

 

 

 

 

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14.11.2006

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