Persönlichkeiten von gestern und heute



"Unendliche Annäherung"

Die Gestalt des Cusanus

 

Teil V

 


Schlussgedanke: Die mystische Sammlung in der Vielfalt aktiver Weltgestaltung

 

Ich komme zum Schluss meines Beitrages. Zur Abrundung möchte ich noch kurz darauf hinweisen, wie Cusanus die Einheit von kreativer Weltgestaltung und mystischem Erleben nicht nur in der Idee der unendlichen Annäherung gedacht, sondern auch konkret gelebt hat. Erst durch diese Einheit von Theorie und Praxis wird Cusanus zu jener einzigartigen Gestalt, die bereits am Beginn der neuzeitlichen Entwicklung jene Stufe der Menschheitsgeschichte präfiguriert, an deren Zukünftigkeit wir gegenwärtig arbeiten müssen. Das mystische Bewusstsein, Annäherung an den unendlichen Gott zu sein, gibt dem konkreten Lebenshorizont des Cusanus eine unendliche Weite: Sie zeigt sich in der auch heute noch beispielhaften Toleranz, mit der Cusanus den verschiedensten Religionen und Kulturen seiner Zeit begegnet. Diese Toleranz, die für das gegenwärtige Zusammenleben der Menschen in einer globalisierten Gesellschaft notwendig ist, gründet nach Cusanus im unbegreiflichen Geheimnis Gottes selbst. Weil der Mensch in den verschiedensten kulturellen Phänomenen die unendliche Kreativität Gottes nachahmt, diese aber unerreichbar bleibt, kann keine konkrete Kultur die letztgültige sein und über alle anderen einen Absolutheitsanspruch erheben. Die Vielfalt der Kulturen ist für Cusanus vielmehr der positive Wert, denn in ihr spiegelt sich die Unerschöpflichkeit der Unendlichkeit des Schöpfergottes.

Diese positive Einstellung zur kulturellen Vielfalt spiegelt sich schließlich im vielfältigen Wirken des Cusanus selbst. In der geradezu unendlichen Spannkraft seiner Persönlichkeit vereinigte er Tätigkeiten, die jede für sich einen einzigen Menschen bereits überfordern können: Politik, Jurisprudenz, wirtschaftliche Verwaltung, Philosophie, Theologie, Mystik, Kirchenreform, Seelsorge, Religionsdialog, Mathematik, Kartographie, Astronomie, Naturwissenschaft, Technik, Humanistische Kultur, Handschriftensammlung, philologische Textkritik und anderes mehr. In seiner Person und seinem biographischen Lebensgang vereinigt er aber nicht nur ansonsten getrennt bleibende Tätigkeiten, sondern auch deutlich voneinander abgegrenzte Epochen und Kulturbereiche, nämlich die antike Philosophie mit dem christlichen Glauben oder das spätmittelalterliche Deutschland mit dem frühhumanistischen Italien.

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abschließend wollen wir die vielfältigen Überlegungen meines Beitrages in einem kurzen Ergebnis zusammenfassen: Cusanus begründet es nicht nur gedanklich-theoretisch, sondern lebt es auch praktisch vor, wie der Mensch in all seinen welthaften Aktivitäten die innere Sammlung mystischer Gotteserfahrung finden kann. Darin besteht die Bedeutung der Gestalt des Nikolaus Cusanus an seinem 600. Geburtstag. Diese Lebensgestalt heute zu verwirklichen, bleibt freilich eine Aufgabe der unendlichen Annäherung.

Martin Thurner

Unendliche Annäherung - Die Gestalt des Cusanus

 

Literatur

  • ERICH MEUTHEN, Nikolaus von Kues 1401-1464. Skizze einer Biographie. Münster 71992.
  • MARTIN THURNER (Hg.), Nicolaus Cusanus zwischen Deutschland und Italien. Beiträge eines deutsch-italienischen Symposiums in der Villa Vigoni (= Veröffentlichungen des Grabmann-Institutes 48). Berlin 2002.
Dr. Martin Thurner ist Privatdozent für Christliche Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximillians-Universität München. Seine Habilitationschrift Gott als das offenbare Geheimnis nach Nikolaus von Kues ist 2001 beim Akademie Verlag erschienen

 

 

 

 

 

 

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06.03.2005