Persönlichkeiten von gestern und heute



"Unendliche Annäherung"

Die Gestalt des Cusanus

 

Teil II


Die gemeinsame Ausgangsfrage: Das Verhältnis der Technik zum Wesen des Menschen

 

Auf meinem Weg zurück vom gegenwärtigen Interesse an Cusanus zur ursprünglichen Bedeutung seiner Gestalt möchte ich bei jenen Aspekten ansetzen, die unsere heutige Zeit mit Cusanus als Gemeinsamkeiten verbinden. Um einem Missverständnis vorzubeugen, muss ich jedoch gleich betonen, dass die gegenwärtige Bedeutung der Cusanus-Gestalt keinesfalls in diesen Gemeinsamkeiten aufgeht. Diese sind vielmehr der Anknüpfungspunkt, von dem aus es möglich wird, gerade jene heute befremdenden Grundzüge der Cusanus-Gestalt einzuholen, die unserer Zeit fehlen und derer sie bedarf. Cusanus erfüllt in idealer Weise die Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit eine historische Figur uns heute etwas sagen kann: Bei ihm verbinden sich vertraute Grundzüge der Gegenwart mit unerwartet Neuem. Dies spiegelt sich auch in unserem Staunen über diese Figur wider: Damit jemand von etwas fasziniert werden kann, muss er zunächst die Möglichkeit sehen, sich in den Grundzügen eines Phänomens wiederzufinden, die dann aber zugleich den Eindruck erwecken, darin noch Unbekanntes entdecken zu können.

Welches sind also jene Grundzüge der Cusanus-Gestalt, die als gemeinsamer Anknüpfungspunkt dazu dienen könnten, die gegenwärtige Bedeutung auch jener Dimensionen zu vermitteln, die uns heute fremd sind, weil sie uns fehlen? Ein Blick in die Realität unserer Zeit zeigt uns, dass es inzwischen ein dominierendes Phänomen gibt, das unsere Lebenswirklichkeit in zunehmend mehr Bereichen prägt und inzwischen jeden Einzelnen in einer Weise immer wieder neu überholt, der sich niemand mehr entziehen kann. Gemeint ist die technische Welterschließung mit all ihren Begleiterscheinungen. Die moderne Technik ist gleichsam der Knotenpunkt, der alle wesentlichen Faktoren der heutigen Lebenswirklichkeit richtungweisend bestimmt, indem er sie auf sich hin ausrichtet: Wirtschaftlicher und politischer Wettbewerb, ja zunehmend das auf Wohlstand und Lebensstandard reduzierte ,gute Leben' des Menschen selbst, werden fast nur mehr danach bemessen, inwieweit es gelingt, die technischen Güter in möglichst breitem Ausmaß uneingeschränkt verfügbar zu haben. In welchem Umfang aber inzwischen die Technik schon vom Menschen Besitz ergriffen hat, dafür ist die unlängst gelungene Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes nur der sichtbare Ausdruck. Darin zeigt sich, dass der technische Fortschritt nunmehr einen Kulminationspunkt erreicht hat, auf dem er sich neu auf sich selbst zurückbesinnen muss. Das unvorstellbare Gefahrenpotential der technischen Neuerungen lässt heute die Frage nach der Menschengemäßheit der Technik fast ebenso intensiv werden, wie das Bedürfnis, an den technischen Gütern zu partizipieren.

Die Neubesinnung auf das Verhältnis der Technik zum Wesen des Menschen gehört somit zu den dringlichsten gegenwärtigen Herausforderungen für jene Wissenschaften, die dem Selbstverständnis des Menschen orientierend vorangehen sollen, für Philosophie und Theologie. Doch wie weit tragen die Orientierungshilfen, die hier dem Menschen heute geboten werden? Ein Richtungsansatz scheint mir der Problematik nicht gerecht werden zu können, obwohl er sich von so bedeutenden Denkern des 20. Jahrhunderts herleitet wie Heidegger, Jaspers, Guardini und Adorno: Diese Autoren vertreten je auf ihre Weise eine Deutung des Phänomens Technik, die in der gemeinsamen kulturkritischen Tendenz von einem entschieden negativen Vorzeichen geprägt ist: Die technisierte Welt wird - vereinfacht zusammengefasst - als Symptom der äußersten Selbstentfremdung des Menschen von seiner ursprünglichen Wesensbestimmung gedeutet. Wenn der Mensch das Wort des Seins nicht mehr gelassen empfängt, sondern durch den technischen Zugriff beherrschen will, so übt zuletzt die Technik selbst eine totalitäre Herrschaft über den Menschen aus. Wie zutreffend und damit berechtigt diese kritischen Analysen auch sein mögen, so meine ich dennoch, dass sie uns heute nicht eigentlich weiterhelfen können. Sie fordern nämlich in ihrer letzten Konsequenz eine Einstellung zur Technik, die sich in der gegenwärtigen Situation sicher nicht allgemein durchsetzen lässt. Dass die unter derartigen Prämissen einzig sinnvolle Technikflucht zu einer Massenbewegung werden könnte, ist nicht nur deshalb illusionär, weil die meisten Menschen nicht auf die technischen Güter verzichten wollen. Eine generelle Technikabstinenz wäre auch beim besten Willen aller gar nicht durchsetzbar, denn unsere Lebenswirklichkeit ist inzwischen schon so weit von technischen Infrastrukturen her ermöglicht, dass alles sofort zusammenbrechen würde, wenn wir auf die Technik verzichteten. Wirklich weiterhelfen kann uns angesichts dieser Realität nur ein philosophisch-theologischer Entwurf, der dieser Ausgangssituation gerecht wird. Er müsste die technische Produktivität des Menschen prinzipiell bejahen, dürfte aber nicht dabei stehen bleiben. Um die offenkundigen Gefahren der technischen Weltbeherrschung zu bannen, müsste diese positive Sicht in einer Auffassung vom Wesen des Menschen begründet werden, die zugleich über die technische Produktivität des Menschen hinausgeht. Um die Würde des Menschen vor der Beherrschung durch seine technischen Produkte zu retten, müsste es möglich werden, die Wirklichkeit der Technik als Ausdruck gerade jener menschlichen Dimensionen zu verstehen und zu gestalten, die sich dem technischen Zugriff immer entziehen. Paradox zugespitzt: Der Mensch sollte ausgerechnet in den technischen Apparaturen seine intellektuellen, affektiv-emotionalen, religiösen oder gar mystischen Wesenseigenschaften finden können. Muss ein Denker nicht die Quadratur des Kreises vollbringen, wenn von ihm ein Konzept verlangt wird, welches im Stande ist, das zu leisten?



 

 

 

 

 

 

 

 

Genau hier sehe ich nun den Ansatzpunkt, in dem sich die gegenwärtige Bedeutung der Gestalt des Nikolaus Cusanus zeigt. Sie besteht nicht nur darin, dass Cusanus mit seinem Grundgedanken des Zusammenfalls der Gegensätze formal eine Methode dazu entwickelt hätte, gegensätzliche Wirklichkeiten in eins zu denken. Er hat darüber hinaus in seiner Auffassung vom Menschen auch inhaltlich genau jene Gegensätze in eins gedacht und deren Einheit vorgelebt, die es gegenwärtig für ein menschenwürdiges Leben zu vereinigen gilt, nämlich Technik und Mystik.

Martin Thurner

 

Unendliche Annäherung - Die Gestalt des Cusanus

Literatur

  • THEODOR W. ADORNO / MAX HORKHEIMER, Dialektik der Aufklärung (1944), in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften (hg. A. Schmidt / G. Schmid Noerr, 1985ff), Bd. 5, 145.
  • ROMANO GUARDINI, Die Situation des Menschen, in: Bayerische Akademie der Schönen Künste (Hg.), Die Künste im technischen Zeitalter, München 1954, 15-42.
  • MARTIN HEIDEGGER, Die Technik und die Kehre, Pfullingen 1962.
  • KARL JASPERS, Die geistige Situation der Zeit, Berlin 1931.

 

Dr. Martin Thurner ist Privatdozent für Christliche Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximillians-Universität München. Seine Habilitationschrift Gott als das offenbare Geheimnis nach Nikolaus von Kues ist 2001 beim Akademie Verlag erschienen

 

 

 

 

 

 

 

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06.03.2005