John Ronald Reul Tolkien

Wer hat noch nie etwas vom "Herrn der Ringe" gehört? Seit Jahrzehnten ist dieses Meisterwerk Tolkiens der große Klassiker der Fantasy-Literatur. Nun wird dieses Buch durch die Verfilmung auch denen zugänglich, die vor den ca. 1000 Seiten bisher zuviel Respekt hatten. Aber vom Schöpfer dieses Werks ist vielen nur der Name bekannt. Dabei ist er einen genaueren Blick wert.

Geboren wurde John Ronald Reul Tolkien am 3.1.1892 in Bloemfontain (Südafrika). Sein Vater hatte die Heimat England aus beruflichen Gründen verlassen. Doch 1895 entschied sich Tolkiens Mutter Mabel mit den Kindern - John und der zwei Jahre jüngere Hilary - vorübergehen nach England zurückzukehren. Der Vater sollte bald nachkommen, erkrankte jedoch und starb am 15.2.1896 ohne seine Familie je wiedergesehen zu haben.

Die folgenden vier Jahre verbrachten die drei in Sarehole Mill, also auf dem Land. Die dortigen Eindrücke spiegeln sich Jahrzehnte später in Tolkiens Schilderungen des Shires (Auenland) wieder. In seiner Kindheit wurde seine Liebe zum Land geboren. 1900 konvertiert Mabel Tolkien zusammen mit den Kindern zur Aber zuvor gab es weitere wichtige Weichenstellungen in Tolkiens Leben. Zunächst eine Gruppe von Freunden an seiner Schule. Sie nannten sich zunächst "Tea Club" (T.C.) dann nach einem Treffpunkt "Barrovian Society" (B. S.), schließlich kombinierten sie beides und das Ergebnis war die T. C. B. S.. Dort brachte er die Ergebnisse seiner Belesenheit, vor allem alte Sagen ein. Die Zeit dort dürfte dazu beigetragen haben, daß Tolkien mit 18 begann Verse zu schreiben. Neben den alten Sagen war sein großes Interesse die Beschäftigung mit Sprachen. Natürlich lernte er in der Schule Latein und Griechisch als Pflichtprogramm. Freiwillig lernte er z. B. Angelsächsisch und Gotisch dazu. Diese Beschäftigung mit Sprachen sollte sich durch sein ganzes Leben ziehen.

Tolkiens großes Ziel war ein Studium in Oxford. Aus finanziellen Gründen war dies nur mit einem Stipendium möglich. Er versuchte sich in den Auswahlprüfungen. 1909 scheiterte er. Ein Jahr später hatte er Erfolg. Sein großer Schwerpunkt war Englisch und hierin vor allem der Bereich der Philologie, weniger die Literatur. Gegen Ende und nach dem Studium bereitete er sich darauf vor, als Offizier in die Armee einzutreten. Der I. Weltkrieg hatte ja schon begonnen. Kurz nach seiner Hochzeit, 1915, geht es nach Frankreich und dort an die Front. Dieser Krieg übertraf jeden bisherigen Krieg an Schrecken. Die dauernde Gefahr, die zerfetzten und verwesenden Leichen auf den Schlachtfeldern und in den Schützengräben dürften sich in den Schlachtenszenen seiner Werke niederschlagen. Gleichen sich nicht das Grauen Mordors und die Giftgaswolken des I. Weltkriegs im zerstörten Land. Nur wenige die in Tolkiens Bataillon blieben überlebten. Und wenn, dann in Gefangenschaft. Er wurde durch Krankheit gerettet. Zur Genesung wurde er nach England zurückgeschickt und blieb dort in Folge einiger vielleicht lebensrettender Rückfälle bis zum Kriegsende stationiert.
Nach dem Krieg begann Tolkiens wissenschaftliche Karriere mit der 1918 begonnenen Mitarbeit am New Englisch Dictionary. 1920 wurde er Dozent für Englisch an der Universität von Leeds und erhielt dort 1924 eine Professur. Schon 1925 folgte eine Professur in Oxford, wo er auf wechselnden Lehrstühlen, zuletzt ab 1945 auf dem renommierten "Merton"-Lehrstuhl für Englische Sprache und Literatur bis zum Ende seiner wissenschaftlichen Karriere blieb. Seine Veröffentlichungen wurden von der Fachwelt sehr geschätzt. Allerdings gibt es davon nicht all zu viele, was nicht an Tolkiens Fleiß sondern an seinem Perfektionismus liegt. Aufsätze wurden mehrfach neugeschrieben und endlos überarbeitet. Zu oft war niemand da, der ihm die Manuskripte entrissen und zum Verleger gebracht hätte. Zahlreicher waren seine Lehrveranstaltungen und in der Lehre war er sehr erfolgreich.

1926 lernte er den jungen Fellow für Englisch C. S. Lewis kennen. Der beteiligte sich schon bald am von Tolkien initiierten "Coalbiters Club" einer wöchentlich zusammenkommenden kleinen Runde, die die wichtigste altisländische Literatur im Original las. Beide freundeten sich an und Tolkien war maßgeblich an Lewis´ Bekehrung zum Christentum beteiligt. Für beide war ihre Freundschaft sehr wichtig. Um sie herum entstand in den dreißiger Jahren eine inoffizielle Gruppe von Freunden, die sogenannten "Inklings", die sich zweimal in der Woche trafen, teils um sich zu unterhalten, teils um ihre noch unveröffentlichte literarische Werke gemeinsam zu lesen und zu diskutieren. Bücher von Lewis und Tolkien wurden hier zuerst gelesen. Weitere Gäste bei diesen Treffen waren z. B. der Anwalt und Philosoph Owen Barfield, der Geistliche und Theologe Adam Fox und der Dozent für Englisch Hugo Dyson. Zu Beginn des II. Weltkriegs stieß der christliche Schriftsteller und Dichter Charles Williams dazu, Seine enge Freundschaft mit Lewis belastete dessen ebenfalls sehr enge Freundschaft mit Tolkien.

Wie entstand nun Tolkiens eigene Literatur. Sie hat mehrere Wurzeln. So bedauerte er zutiefst, daß England eine z. B. der isländischen vergleichbare Mythologie fehlt. Eine solche zu schaffen war sein Ziel. Dazu kam sein Interesse für Sprachen. Es ging so weit, daß er sogar begann selbst Sprachen zu entwerfen. Und Sprachen ohne dazugehörige Geschichte sind sinnlos. Außerdem gab es da so manchen großen Plan aus den Zeiten der T.C.B.S.. Diese Pläne erhielten dadurch größeres Gewicht als es bei Plänen von ein paar Schuljungen üblich ist, daß fast alle auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs starben. Noch in der Kriegszeit begann Tolkien seine Mythologie. Daran arbeitete er bis an sein Lebensende. Teile davon wurden nach seinem Tod von seinem Sohn Christopher als "Silmarillion herausgegeben. Die Arbeit an dieser Mythologie zog sich also durch den größten Teil von Tolkiens Leben. Lewis spielte hier eine wichtige Rolle; denn er war einer der wenigen der Teile davon lesen durfte und er bestärkte Tolkien mit seiner Begeisterung in diesem Vorhaben. Zwischendrin entstand ein Kinderbuch, das Tolkien mit seiner Mythologie verknüpfte. "The Hobbit". Es fand den Weg zum Verleger und verkaufte sich gut. Der Drang des Verlegers nach einer Fortsetzung führte über Umwege zum "Lord of the Rings". Das riesige Werk wurde in drei Teile aufgeteilt, um die Verluste über mehrere Jahre verteilen zu können. Aber innerhalb kürzester Zeit war der erste Band verkauft und Tolkien wurde schnell weltweit berühmt. Der nur der Fachwelt bekannte Gelehrte war zum weltbekannten Schriftsteller geworden.

1959 wurde Tolkien emeritiert. Von nun an konnte er sich ganz seinen unvollendeten Manuskripten, also in erster Linie dem immer noch in Arbeit befindlichen Silmarillion widmen. Vorerst blieb er in Oxford. Also in der Stadt in der er seit Jahrzehnten gearbeitet hatte und in der sich auch der Großteil seines Freundeskreises befand. Seiner Frau behagte dieses Umfeld allerdings nicht. Sie zog das weniger akademische Umfeld von Bournemouth vor. Hier unter Leuten ihrer Altersklasse und ihres Bildungstandes fühlte sie sich wohler. Und 1968 zogen sie dorthin. Für Tolkien bedeutete das einerseits eine gewisse Isolation, andererseits aber auch ungestörtes Arbeiten an seinen Manuskripten. 1971 starb Edith. Kurze Zeit danach kehrt Tolkien nach Oxford zurück, wo ihm "Merton-College" einige Räume überließ, worin er seine letzten Jahre verbringt. Am 2. September 1973 starb Tolkien bei einem Besuch bei Freunden in Bournemouth.

Seine Religion war für Tolkien sehr wichtig. Sein Weg zur katholischen Kirche wurde oben schon beschrieben. In seiner Professorenzeit besuchte Tolkien fast täglich die Messe. Die Frühmesse vor dem Frühstück gehörte zum täglichen Tagesablauf dazu. Anders als die Mit-Inklings Lewis und Williams schrieb nun Tolkien keine betont religiösen Bücher, aber Glaube und Werk stehen auch bei ihm nicht beziehungslos nebeneinander. Er versteht sein Werk als "Sub-Creation", also als "Unterschöpfung". Er versteht sich damit als jemand, durch den Gott in gewisser Weise die Schöpfung fortführt. Vielleicht ist dieses Verständnis nicht unpassend. Immerhin ist der Mensch das Bild Gottes und damit das Bild des Schöpfers. Von daher ist es ja geradezu erforderlich, daß sich der Mensch - natürlich in geringerem Maße als Gott - schöpferisch betätigt. Damit wäre dieses Verständnis nicht nur die Spinnerei eines Schriftstellers und Gelehrten im Oxforder Elfenbeinturm, sondern ein interessanter Beitrag zum Verständnis des Menschen. Denn Literatur, aber auch Kunst und Musik gehören ja so entscheidend zum Menschen, daß jeder Versuch ihn ohne das alles zu verstehen, nur scheitern kann. Damit gelingt es bei der Betrachtung Tolkiens einer der Schwächen manch eines verkürzten Menschenbilds auf die Spur zu kommen. Fürwahr ein aktueller Autor.

Thomas Gerold

Tolkiens "Letters from Father Christmas" - Briefe vom Weihnachtsmann (tg)

C. S. Lewis. Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und christlicher Denker (tg)