Literatur


 

The Princess and the Goblin - Die Prinzessin und der Kobold

Ein phantastisches Kinderbuch von George MacDonald

 

The Princess and the Goblin gehört zu den wichtigsten Büchern von George MacDonald. Es ist seit seinem Erscheinen 1872 ein beliebtes englischsprachiges Kinderbuch, ein echter Klassiker, der bis heute Kinder - und viele Erwachsene - in eine phantastische und doch sehr reale Welt führt. Folgende Zeilen mögen einen Einblick in dieses Buch geben und in die Hintergründe einführen.

 

Inhalt

Die achtjährige Irene ist eine Prinzessin in einer phantastischen Welt. Sie lebt in einem alten, großen Landhaus inmitten der Berge. Das Land wird von ihrem Vater regiert, der aber meist - wie bei einem mittelalterlichen König üblich - in seinem Land umherzieht und sie deshalb in der Obhut eines Kindermädchens und eines kleinen Hofstaates zurückgelassen hat. Ihre Mutter ist - wie im Laufe des Buches deutlich wird - schon gestorben. Ihr geht es also ähnlich wie MacDonald selbst, der seine eigene Mutter früh verlor. Eine Besonderheit dieses Landes ist, dass auch sein Untergrund bewohnt ist. Dort leben die Goblins bzw. in der deutschen Übersetzung die Kobolde. Sie sind dunkle Geschöpfe, voller Neid und Missgunst gegenüber den Bewohnern der Welt draußen, und besonders gegenüber der Familie des Königs. Weil die Goblins die Familie des Königs hassen, und sie sich zugleich meist nur bei Dunkelheit aus ihren Höhlen wagen, darf die Prinzessin niemals in der Nacht außerhalb des Hauses sein.

Eines Tages verläuft sich Irene innerhalb des großen Hauses. Sie folgt einer Treppe, gerät in ein oberes Stockwerk eines unbewohnten Teils des Gebäudes und findet dort weinend eine enge, steile Treppe, die sie ganz nach oben führt. Dort findet sie unter dem Dach etwas Unerwartetes, eine alte Frau bei der Arbeit am Spinnrad. Sie ist allerdings für eine alte Frau ungewöhnlich; denn obwohl ihr langes Haar weiß ist, so ist ihr Gesicht doch glatt und schön. Sie tröstet die weinende Irene und wäscht deren Tränen ab. Dann sagt sie ihr, dass sie ebenfalls Irene heißt und ihre Ururgroßmutter ist. Niemand im Haus weiß von ihrer Existenz. Sie spinnt dort oben einen geheimnisvollen Faden und ernährt sich von den Eiern ihrer weißen Tauben.

Wieder zurück ist ihr Kindermädchen Lootie sehr froh, dass Irene wieder aufgetaucht ist. Als diese erzählt, wo sie gewesen ist, glaubt ihr das Kindermädchen natürlich kein Wort. Lootie wirft der Prinzessin vor, eine Lügnerin zu sein. Irenes Erlebnis ist zu wunderbar für die dafür nicht offene sogenannte Erwachsene. Irene ist dadurch betrübt und verunsichert und findet in ihrem Zweifel selbst die Treppe nach oben nicht mehr.

Endlich geht es für die Prinzessin nach draußen. Irene und Lootie gehen spazieren. Letztere verläuft sich, hastet und eilt, ja rennt und verläuft sich dadurch erst recht. Es wird dunkel. Da kommen die Goblins hervor. Gerade Lootie ängstigt sich und weiß nicht, was sie angesichts der Gefahr tun sollen. Doch da kommt ihr Curdie zur Hilfe, ein Junge der mit seinem Vater zu den Bergleuten des Königs gehört, die in den Bergen das Silber abbauen. Curdie ist mit der Gefahr der Goblins aufgewachsen und kennt deren Schwächen. Er vertreibt sie jetzt mit seinen Reimen, die er aus dem Stegreif macht und die diese dunklen und sehr einfallslosen Wesen nicht aushalten. Damit rettet er die Prinzessin und damit auch Lootie, die ihre Pflicht vernachlässigt hat, indem sie nicht sichergestellt hat, dass die Prinzessin vor Anbruch der Dunkelheit in Sicherheit ist. Dennoch ist dieses Kindermädchen in keiner Weise Curdie gegenüber dankbar.

Curdie ist bald wieder in den Minen beschäftigt. Er arbeitet eine Nacht hindurch allein, um mit dem zusätzlichen Verdienst ein Geschenk für seine Mutter zu kaufen. Dabei gelingt es ihm, die Goblins zu belauschen. Er erfährt dabei, dass sie sowohl gegen den König als auch gegen die Mine böse Pläne schmieden.

Die Prinzessin findet endlich wieder den Weg zur Ururgroßmutter. Sie lernt ihr immer brennendes Licht im obersten Stockwerk des Schlosses kennen, das für den, der selbst dafür offen ist, auch durch die Wände hindurch sichtbar ist. Auch macht sie die seltsame Entdeckung, dass die Ururgroßmutter immer jünger und schöner wirkt, je mehr man an sie glaubt. Das ist ihr wahres Gesicht, das aber nur für den sichtbar wird, der ihr gegenüber auch selbst offen ist. Wenn Irene ängstlich und in Not ist, flieht sie zu ihrer Ururgroßmutter hinauf, die ihr schließlich einen wunderbaren Ring gibt. Diesen soll sie bei Gefahr unter ihr Kopfkissen legen. Von ihm wird ein sehr feiner Faden ausgehen und sie dann hinauf in Sicherheit führen. Allerdings muss sie ihm folgen, wohin auch immer er führen mag.

Curdie versucht inzwischen mehr von den Plänen der Goblins herauszufinden. Das ist schwierig, er muss sich tief in deren Höhlen hineinwagen. Schließlich gelangt er in den großen Thronsaal des Goblinkönigs und erfährt dessen Pläne. Zunächst soll die Prinzessin entführt und mit dem Goblinprinzen zwangsverheiratet werden. Wenn dies scheitert, soll die Mine überflutet werden, damit die Bergleute des Königs ertrinken. Jetzt kennt er deren Geheimnis, aber er findet nicht mehr aus den Höhlen heraus, sondern wird von diesen Wesen der Dunkelheit gefangen. Die Goblins werfen ihn ein Loch, das sie mit Steinen bedecken, um ihn dort verdursten und verhungern zu lassen.

Die Prinzessin wird inzwischen mitten in der Nacht erschreckt. Verängstigt will sie zur Großmutter flüchten. Doch der Faden führt hinaus in die Dunkelheit. Sie folgt dennoch in die Finsternis. Und diese wird noch tiefer, als der Faden sie sogar in die Höhlen der Goblins hinab führt. Dort muss sie sich ohne Licht vorantasten. Schließlich scheint der Faden zwischen den Steinen zu verschwinden. Sie ist zunächst verzweifelt. Doch dann räumt sie die Steine weg und gelangt so zu Curdie, der darunter gefangen ist. Der Faden führt weiter durch auch den Goblins verborgene Gänge und zuletzt über einen Umweg durch den Schlossgarten hinauf zur Ururgroßmutter. Irene ist am Ziel ihrer Suche, aber Curdie kann die Ururgroßmutter nicht erkennen. Er sieht statt ihres Zimmers nur einen leeren Speicher und hält die Prinzessin, die ihn gerade auf so eindrucksvolle Weise befreit hat, für eine Lügnerin. Er ist noch nicht reif dafür, an sie zu glauben. Und später wird sich herausstellen, dass ihr auch Lootie nicht glaubt.

Wochen vergehen. Schließlich bemerkt Curdie, dass die Goblins kurz davor stehen, ihre Pläne umzusetzen. Er eilt zur Prinzessin. Doch, weil er nicht zum königlichen Haushalt gehört, wird er von den Wachen niedergeschlagen und gefangen. Jetzt wird ihm nicht geglaubt. Sie sperren ihn in einem leeren Zimmer ein. Dort liegt er im Fieber, bis in der Nacht die Ururgroßmutter kommt, ihn heilt und die Tür öffnet. So kann er ins Geschehen eingreifen, als in der Nacht die Goblins aus dem Keller ins Haus eindringen. Er kennt ihre Schwachstellen und drängt sie zurück. Er rettet sogar Lootie davor, von den Goblins verschleppt zu werden. Aber keiner im Haus weiß, wo die Prinzessin ist. Jeder denkt, sie wäre gefangen. Er will deshalb gerade den Goblins in die Tiefe folgen. Aber im letzten Moment stößt er ganz unvermittelt auf einen unsichtbaren Faden, dem Faden der Prinzessin bzw. der Urugroßmutter. Jetzt nimmt er ihn endlich ernst, folgt ihm und gelangt in sein Elternhaus, wo in den Armen seiner Mutter die schlafende Prinzessin liegt.

 



 

 

 

Doch noch droht die Verwirklichung des zweiten bösen Plans der Goblins. Curdie weiß an welcher Stelle das Wasser die Mine überfluten soll. Deshalb kann er mit den anderen Bergleuten diese Stelle rechtzeitig verschließen. Als dann die Goblins doch versuchen, die Mine zu überfluten, fließt das Wasser in ihre eigenen Wohnhöhlen. Fast alle ertrinken. Durch das Wasser wird das Böse unter der Erde vernichtet. Auch das untere Stockwerk des Schlosses wird überschwemmt, aber das Haus selbst übersteht die Fluten.

Das Buch endet damit, dass Irene von ihrem Vater mitgenommen wird. Curdie erhält das Angebot mit dem König mitzuziehen, aber er bleibt aus eigener Entscheidung bei seinen Eltern zurück.

 

Die Bedeutung für heute

Was ist die große Herausforderung von Prinzessin Irene? Sie muss immer wieder neu lernen, sich auf die Ururgroßmutter zu verlassen, die sie doch nicht so einfach finden kann, und die teilweise auf sehr unerwarteten Wegen zu erreichen ist. Irenes größte Prüfung ist der Faden, dem sie folgen muss, und dem sie hinab unter die Erde und in die tiefe Finsternis folgen muss. Aber gerade das führt nicht nur sie zur Ururgroßmutter, sondern es ermöglicht auch die Rettung von Curdie. Die Prinzessin steigt in die Unterwelt herab, um Curdie zu retten. Das erinnert an Christi Abstieg in die Unterwelt. Jedenfalls ist diese Herausforderung von Irene eine extreme Prüfung ihres Vertrauens.

Eine solche Prüfung des Vertrauens ist nicht nur von Prinzessin Irene gefordert, sondern von jedem Christen. Der Faden des Glaubens an Christus, der immer ein Moment des Vertrauens beinhaltet, ist ja oft genauso schwer zu sehen wie der Faden Irenes. Und die Dunkelheiten und Unsicherheiten der Welt sind nicht unbedingt kleiner als die Gefahren in den Höhlen der Goblins. Und vor allem sehen wir Christus meist weniger direkt als die Prinzessin die Ururgroßmutter. Es ist sehr wahrscheinlich, dass hier die Ururgroßmutter für die göttliche Weisheit steht, die - wie auch in der frühen Kirche üblich - mit Christus identifiziert wird. Es gibt zahlreiche Zeichen, die diesen Zusammenhang nahelegen. So die weißen Tauben, die an den heiligen Geist erinnern. Dann wird Irene gewaschen, was an die Taufe denken lässt. Und eben die Notwendigkeit, den Glauben zu leben.

The Princess and the Goblin ist eine Ermunterung, das Wagnis des Glaubens an den dreieinen Gott zu wagen und sich von allen Hindernissen nicht abhalten zu lassen. Es verweist darauf, dass jeder Mensch vor einer solchen Herausforderung steht, wie hier die Prinzessin und Curdie. Das, was hinter dieser Welt liegt und immer wieder durch sie durchscheint, ist viel wunderbarer - großartiger und zugleich fordernder - als die meisten Menschen auch nur ahnen. Allerdings ist Offenheit notwendig, um die Wirklichkeit wahrzunehmen. Wer nicht offen ist, der sieht das Wunderbare nicht, das eigentlich da ist. Weil diese Einladung sich zu öffnen diesem Kinderbuch in besonderer Weise gelingt, lobt es Chesterton in seiner Einführung zu einer MacDonald-Biographie als die Geschichte, die sein Leben nach der Bibel am Meisten geprägt hätte. Diese Geschichte hätte seinen Blick für diese höhere Wirklichkeit geöffnet und diese für ihn erschlossen. Diese Fähigkeit dieses Buches macht es auch für den heutigen Leser - sei er nun ein Kind oder ein Erwachsener - sehr lesenswert. Es ist ein Kinderbuch, das mehr mit der Realität zu tun hat als die meisten Sachbücher.

Thomas Gerold

Thomas Gerolds Studie"Die Gotteskindschaft des Menschen. Die theologische Anthropologie bei George MacDonald" kann beim Lit-Verlag unter folgender wwwv-Adresse bestellt werden:

 

 

 

 

 

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29.03.2006