Literatur


 

 

Der Pilgrim's Progress von John Bunyan - Ein Klassiker der christlichen Literatur

Teil I

 

Mit dem Pilgrim's Progress nähern wir uns einem der größten christlichen Klassiker überhaupt. In Deutschland ist dieses Buch wenig bekannt, aber im englischen Sprachraum hat es über viele Generationen hinweg den Glauben unzähliger Menschen mit geprägt. Der Autor, John Bunyan (1628-1688), stammte aus einer ärmlichen Kesselflicker-Familie. Dementsprechend war ihm der Weg zu höherer Bildung verschlossen. In seiner Jugend war er vom Glauben weit entfernt. Nach seiner Bekehrung zu Christus schloss er sich der Baptistischen Gemeinde in Bedford an, wo er bald predigte. Die Predigt ergänzte er mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit, welche bald ins Zentrum seines Wirkens rücken sollte. Von 1660-1672 war er nämlich - wegen unerlaubten Predigens - für zwölf Jahre inhaftiert. Bunyans größtes Werk wurde der Pilgrim's Progress, dessen erster Teil 1678 und der zweite 1684 erschien. Damit wurde aus dem Sohn eines Kesselflickers der Autor eines der größten geistlichen Klassiker in englischer Sprache. In diesem Artikel wollen wir uns mit dem ersten Teil auseinandersetzen. Ein Artikel zum zweiten Teil wird in Kürze folgen.

Zu Beginn des Buches begegnen wir der Hauptperson des ersten Teils, Christian, die den Christen symbolisiert. Zunächst begegnet er uns als namenlose, in Lumpen gehüllte Gestalt, mit einer schweren Last auf den Schultern. Später werden wir hören, dass er zu diesem Zeitpunkt noch den Namen Graceless trägt. Seine Last bedrückt ihn sehr schwer. Er erfährt, dass die Stadt in der er lebt, zerstört werden wird. Noch ist er der Mensch, der Gott nicht kennt. In seiner Verzweiflung begegnet er Evangelist, dem Evangelisten, der ihm eine Pergamentrolle mit dem Rat: "Fliehe von dem Zorn, der kommt" gibt und ihm den Weg zum Wicketgate, der engen Pforte weist. Von dort geht es weiter zum Wahren König und in dessen Himmlische Stadt. Christians Familie will genauso wenig mit aufbrechen wie seine Nachbarn. Deshalb macht er sich allein auf den Weg. Einer folgt ihm schließlich doch, Pliable, der Nachgiebige; dieser kehrt aber schon bei der ersten Schwierigkeit um.

Christian gerät schon bald in Gefahr. In seiner Angst fällt er in den Slough of Despond, den Sumpf der Verzagtheit. Aus eigener Kraft kommt er wegen seiner Last, seiner Sünde, nicht heraus, aber zu ihm tritt die Gestalt von Help heran, mit der er sich aus der aussichtslosen Lage befreien kann. Doch es warten seiner weitere Gefahren. Christian begegnet Wordly Wiseman, der versucht, ihn vom Weg abzubringen. Wie bei vielen Christen hat Mr Wordly Wiseman, die Weisheit der Welt, zunächst Erfolg. Christian geht den Weg, den ihm Wordly Wiseman zeigt, und gerät in die Irre, wird aber von Evangelist wieder auf den rechten Weg zum Wicketgate gebracht. Beim Schicksal Christians wird sich mancher an seinen eigenen christlichen Weg erinnert fühlen, in dem ebenfalls Verzagtheit und die Weisheit der Welt immer wieder bekämpft werden müssen.

Trotz seiner bisherigen Irrwege darf Christian durch das enge Tor gehen. Der Torhüter, Goodwill sagt ihm: "Wir haben keine Einwände gegen irgendjemanden, ganz gleich, was sie zuvor, bevor sie hierher gekommen sind, getan haben. Sie werden in keiner Weise ausgeschlossen." Jeder kann sich also auf den Weg zu Christus begeben. Was er davor getan hat, ist nicht entscheidend. Dann weist Goodwill auf den engen Weg, den Christian zu gehen hat. Hier betont Bunyan so wie das Evangelium die Enge des Weges. Goodwill lässt er ausdrücklich vor den Abzweigungen warnen, die oft viel bequemer scheinen, aber alle in die Irre führen.

Christian gelangt nun zum Haus des Interpreter, des Übersetzers. Der führt ihn in Bildern in manche Geheimnisse des Glaubens ein. So sieht Christian das Feuer der Gnade im Herzen des Menschen, in das Christus immer wieder Öl nachschüttet, so dass es dann immer noch heller brennt, wenn der Teufel versucht, es zu löschen. Aber er zeigt ihm auch das schreckliche Schicksal des im Käfig der Verzweiflung auf das Gericht Wartenden. Der ist nicht mehr zur Reue fähig. Er ist verloren. Das einzige, was er noch zu erwarten hat, ist die ewige Verdammnis. Der Interpreter zeigt Christian diese Bilder als Hilfe und Ansporn auf seinem weiteren Weg.

Ein wenig weiter erreicht Christian das Kreuz. Als er am Kreuz vorbeigeht, fällt seine Bürde, die Schuld, von ihm ab. Drei strahlende Gestalten erscheinen ihm. Die eine verkündet ihm die Vergebung seiner Sünden. Die nächste zieht ihm die Lumpen aus und ein strahlendes Gewand an. Die dritte gibt ihm Zeichen auf die Stirn und eine Schriftrolle, welche Zeichen ist für den Einlass am Tor der Himmlischen Stadt. Später erfahren wir, dass alle, deren Weg sie nicht vorher zum Kreuz geführt hatte, keinen Einlass finden. Rettung gibt es für den Menschen nur durch das Kreuz.

Etwas weiter begegnet Christian zwei Gestalten, die über die Mauer klettern, statt durch das Tor zu kommen, und so auch am Kreuz vorbeigehen: Formalist und Hypocrisy, der Formalist und der Heuchler. Er erinnert sie daran, dass auch sie durch die Tür gehen müssten, statt einfach einzubrechen, doch sie berufen sich auf ihre Gesetze und Gebräuche. Außerdem wäre der Weg durch das Tor viel zu umständlich und beschwerlich. Doch können solche Gesetze und Gebräuche retten? Wenig später biegen sie auf die bequemen falschen Wege ein und gehen zugrunde, während Christian den beschwerlichen Weg wählt und den Hügel Difficulty, den Hügel der Schwierigkeit erklimmt. Er kommt beinahe zu Fall, weil er an einem Rastplatz einschläft. Er verliert seine Schriftrolle und muss umkehren und sie suchen. Hier warnt Bunyan vor der Gefahr, auf Erden auf dem Weg zu Christus einzuschlafen und in den schönen Momenten dort mehr als Rastplätze zu sehen. Dann kann Christian endlich weiter bis zum nächsten Hindernis gehen. Es sind zwei Löwen. Die aber sind angekettet, so dass sie dem Gläubigen, der an ihnen vorbeigeht, nicht zur Gefahr werden. Es sei denn, er kehrt aus lauter Angst um. Christian erreicht das Haus von Watchfull, wo er rasten darf und zum Schutz eine Rüstung erhält, ehe er weiterzieht.

Nun geht es ins Valley of Humility, das Tal der Demut. Dort begegnet ihm Apollyon, der Teufel, der Christian als einen seiner Untertanen beansprucht. Denn der habe ihm schließlich gedient, bevor er sich aufmachte zur Himmlischen Stadt und zu deren König Christus. Christian gibt zu, dass er in Apollyons Land geboren wurde. Aber, so sagt er: "Euer Dienst war hart, und euer Lohn war so, dass ein Mensch davon nicht leben kann; denn der Lohn der Sünde ist der Tod." Christian sagt sich also nochmals vom Herrn der Sünde, der den Tod bringt, los. Apollyon gibt sich noch nicht geschlagen. Er sagt Christian, dass er doch schon gegen seinen neuen Herrn gesündigt und von diesem eh nichts mehr zu erwarten hätte. Er sei doch vorher eingeschlafen. Apollyon setzt also Christians Gewissen als Waffe gegen diesen ein. Als das nichts nützt, kommt es zum Kampf. Christian schlägt Apollyon, den Teufel, in die Flucht.

Doch die nächste Bedrohung kommt sogleich: The Valley of the Shadow of Death, das Tal des Schattens des Todes. Christian wagt sich durch die Dunkelheit und gelangt trotz aller Gefahren ans Ende des Tals; dort trifft er auf zwei früher einmal gefährliche Riesen, Pagan, der Heide, und Pope, der Papst. Obwohl der Heide tot und der Papst hier alt und inzwischen harmlos ist, so ist dies doch eine der am stärksten von den konfessionellen Auseinandersetzungen geprägten Stellen des Buches. Hier ist daran zu erinnern, dass etwa ein Jahrhundert zuvor, als Mary Tudor versuchte, England für Rom zurückzugewinnen, viele Protestanten auf dem Scheiterhaufen sterben mussten. Die Narben dieser Auseinandersetzungen schmerzten also noch. Auch waren diese Methoden im 17. Jahrhundert leider alles andere als ausgestorben.

Kurz nach dem Valley of the Shadow of Death trifft Christian auf einen anderen Pilger: Faithful, den Gläubigen, der ebenfalls aus seiner Stadt stammt. Er erzählt von seinen Erlebnissen, ehe sie gemeinsam weitergehen. Sie treffen den Schwätzer Talkative, der aber bald seinen eigenen Weg geht, einen Irrweg. Talkative ist eine gute Erinnerung daran, dass der Weg des Christen eben nicht nur aus Worten bestehen darf. Sonst führt er sicher in die Irre. Dann begegnen sie wieder Evangelist, der sich freut, dass sie so weit gekommen sind, ihnen aber auch ankündigt, dass noch mehr Prüfungen auf sie zukommen.

Als nächstes erreichen Christian und Faithful die Stadt Vanity (Eitelkeit), wo der große Jahrmarkt der Eitelkeiten, Vanity Fair, abgehalten wird. Dort werden alle Eitelkeiten der Welt angeboten, um die Pilger abzulenken: z. B. Häuser, Ländereien, Titel, aber auch jede Art von Vergnügungen. Doch Christian und Faithful haben daran kein Interesse. Sie werden deshalb verspottet und bald danach gefangengenommen, geschlagen und vor Gericht gestellt. Dort werden sie verurteilt. Faithful wird geschlagen, gequält und verbrannt. Ein Wagen Gottes holt ihn vom Scheiterhaufen ab und bringt ihn durch die Wolken ins himmlische Jerusalem. Christian dagegen entkommt und muss weiterziehen.

 

 

 

 

 

 

Auf seinem weiteren Weg wird Christian von Hopeful begleitet, einem Mann aus Vanity, der durch die Standhaftigkeit von Faithful und Christian bekehrt wurde. Unterwegs begegnen sie weiteren Gestalten. So Money und Save, die mehr nach Geld als nach dem Ziel der Pilgerschaft streben. Außerdem, am Wegesrand, dem Demas, der sie zu seiner Silbermine einladen will, damit sie dort schürfen. Er verspricht ihnen ein Vermögen. Hopeful und Christian lassen sich nicht darauf ein. Letzterer hatte gehört, dass Demas nur die Pilger verführen will. Nicht so Money und Save, die bei der Suche nach Reichtum ums Leben kommen. Bei ihnen führt der scheinbare Weg zum schnellen Reichtum zum Tod.

Kaum sind Christian und Faithful dieser Gefahr entronnen, geraten sie vom Weg ab, weil sie eine Abkürzung gehen wollen. So kommen sie in das Land des Riesen Despair (Verzweiflung), der sie fängt und in seinem Schloss, Doubting Castle, einsperrt. Der Riese, die Verzweiflung, schlägt und quält sie sehr, um sie in den Selbstmord zu treiben. In der höchsten Not öffnet ihnen der Schlüssel Promise, das Versprechen des Heils, die Tür aus den Verliesen der Verzweiflung. Sie sind entkommen.

Es geht weiter. Flatterer, der Schmeichler, führt sie in seine Netze, aber sie werden befreit. Dann begegnen sie Atheist. Der will sie überzeugen, dass es die himmlische Stadt gar nicht gibt. Aber glücklicherweise ohne Erfolg. Es folgt ein langes Gespräch zwischen Hopeful und Christian, bei dem es um Hopefuls Bekehrung geht. Dieser hat während eines Gesprächs mit Faithful erkannt, dass er niemals allein von seiner Schuld erlöst werden könnte. Der einzige Weg zur Rettung ist Christus. Hier geht es also um den Kern des Glaubens: Um den einen und einzigen Erlöser Jesus Christus und um den Glauben an ihn. Genau im Anschluss an dieses Gespräch treffen sie Ignorance. Es kommt zu einer langen Unterhaltung mit diesem eher problematischen Pilger, dessen Glaube Einbildung ist. Sein Glaube ist nämlich ein bloßer Wohlfühlglaube, der nicht auf die Schrift gegründet ist. Ignorance hat nicht die geringste Ahnung von seiner Erlösungsbedürftigkeit. Sein Glaube taugt zu nichts als zu dem Weg ins Verderben, da er ihm die Erkenntnis seines eigenen Zustands unmöglich macht. Neben der Begegnung mit Ignorance haben Christian und Hopeful aber auch Turnback gesehen, der von sieben Teufeln gefesselt zur Hölle gebracht wurde. Von diesem Anblick erschüttert fragen sie sich, wie er sich denn vom rechten Weg abwenden konnte. Dabei zeigt sich Bunyans Menschenkenntnis. Als erster Grund wird erkannt, dass zwar vielleicht am Anfang eine Einsicht in die eigene Schuld vorhanden war, dass die aber schnell verblassen kann. Dann, dass es sich wohl um einen von Ängsten bestimmten Glauben handelte. Aber Höllenangst genügte auf die Dauer nicht. Der dritte Grund ist die Verachtung, die der Religion und dem wirklich religiösen Menschen entgegengebracht wird. Und der vierte: Die Abneigung dagegen, über so etwas wie Schuld überhaupt nachzudenken. Das erspart nun zwar manche unangenehmen Momente, führt aber auf die Dauer ins Verderben.

Endlich sind Christian und Hopeful in Sichtweite der himmlischen Stadt. Es geht durch Weinberge und fruchtbares Land zur nächsten Prüfung: Ein Fluss ohne Brücke, den es zu durchschreiten gilt. Nur zwei Menschen überhaupt konnten auf einem anderen Weg reisen, nämlich Elijah und Ennoch. Bei dem Fluss handelt es sich demnach um den Tod. Es ist ein Fluss, der um so seichter und einfacher zu durchschreiten ist, je mehr man an den wahren König glaubt. Christians Glaube ist nicht allzu stark. So hat Hopeful einiges zu tun, Christian zu helfen, dass er nicht untergeht. Es ergeht ihm also wie vermutlich den meisten Christen, die die Unterstützung der Hoffnung bei ihrem eigenen Tod dringend brauchen. Aber trotz aller Schwierigkeiten erreichen beide das rettende Ufer. Unbeschwert können sie weitergehen; denn die sterblichen Kleider sind von ihnen abgefallen.

Jetzt sind die letzten Meter zurückzulegen. Sie erreichen das Tor des Himmlischen Jerusalems. Sie werden voll Freude begrüßt. Die Glocken der Stadt läuten. Ihnen wird geöffnet, Gewänder, die wie Gold scheinen, werden ihnen angelegt. Sie preisen gemeinsam Gott. Sie sind am Ziel ihrer Reise angekommen und dürfen sich ewig freuen.

Doch Bunyan zeigt noch einmal die Gefahr des Scheiterns auf. Während Christian und Hopeful in der Stadt Gott preisen, überquert Ignorance, die Unwissenheit, ebenfalls den Fluss des Todes. Ihm gelingt dies sogar mit besonderer Leichtigkeit, weil ihm der Fährmann Vain-Hope, also die trügerische, falsche Hoffnung hilft. Doch er wird nicht in die Stadt eingelassen. Er gehört zu denen, die der Herr nicht kennt. Ignorance wird gebunden und in die Hölle geworfen. Selbst vor dem Tor des Himmels gibt es - so Bunyan - einen Weg zur Hölle.

Der Pilgrim's Progress ist ein Meisterwerk. Es bietet, in Bildern verpackt, einen Einblick in die Gefahren des Christseins. Es ist eine Aufmunterung, auf diesem Weg weiterzugehen. Man merkt dem Autor an, dass er selbst die Versuchungen genau kennt. Er spricht aus Erfahrung. Die Situation des Christen in der Welt ist dieselbe wie vor dreihundert Jahren. Schon der erste Teil verdient es, auf jeden Fall gelesen zu werden. Damit ist Christians Pilgerfahrt abgeschlossen. Im zweiten Teil werden wir dann das Schicksal seiner Frau und seiner Kinder kennen lernen, die zwar noch in der City of Destruction wohnen, aber nicht für immer dort bleiben werden.

Thomas Gerold

 

 

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