Literatur


 

 

George MacDonald (1824-1905)

Schriftsteller und christlicher Denker

 

George MacDonald ist in Deutschland kaum bekannt. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass zu seinen Bewunderern so bekannte Autoren wie G. K. Chesterton und C. S. Lewis zählten. Letzterer, immerhin selbst einer der meistgelesenen christlichen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, sah in MacDonald sogar seinen großen geistlichen Meister. Schon diese Empfehlung ist ein Grund, sich mit George MacDonald zu beschäftigen.

Geboren wurde MacDonald 1824 in Huntly, einer kleinen Stadt in Schottland. Dort verlebte er seine Kindheit. Schon nach wenigen Jahren starb seine Mutter, so dass die Hauptrolle in seiner Erziehung der Vater spielte, der ein bemerkenswerter Mann gewesen sein muss. Jedenfalls hat der Vater MacDonald sehr geprägt und zwar positiv. Neben der Familie spielte der Glaube im Leben des jungen MacDonald eine große Rolle und zwar in Gestalt des strengen Calvinismus mit seinem tyrannisch anmutenden Gott. Dieser Glaube prägte das religiöse Leben in Huntly. Besonders prägte er MacDonalds Großmutter, die die Geige ihres Sohns verbrannte, da sie die Musik zu den Werkzeugen Satans rechnete. Diese Begebenheit aber auch die guten Seiten seiner Großmutter fanden Eingang in MacDonalds Roman Robert Falconer. Nach einigen Jahren heiratete MacDonalds Vater erneut. Im Gegensatz zu allen Klischees von der bösen Stiefmutter war MacDonalds Verhältnis zu seiner Stiefmutter sehr gut.

Zunächst wurde MacDonald an einer der örtlichen Schulen Huntlys ausgebildet. Die Schreckensgestalt des dortigen Lehrers taucht später als Schulmeister Malison in MacDonalds Roman Alec Forbes of Howglen (1865) auf, wo er literarisch weiter Angst und Schrecken verbreitet. Nach der normalen Schule wurde MacDonald für kurze Zeit an einem Gymnasium in Aberdeen auf die Eingangsprüfung am dortigen King`s College vorbereitet. MacDonald gelang es ein Stipendium zu erringen, wodurch er trotz der finanziellen Probleme der Familie studieren konnte. Teile des Studiums sind im oben schon erwähnten Roman Alec Forbes of Howglen verarbeitet, wobei teilweise offenbleiben muss, was Dichtung und was Wahrheit ist. Schon während des Studiums schrieb er Gedichte. Die waren aber nur eine Vorbereitung auf sein späteres Schaffen. Nebenbei war er an einer dortigen Gemeinden tätig, die allerdings nicht der Church of Scotland angehörte, sondern einen noch strengeren Calvinismus vertrat. Er arbeitete als Lehrer in der Sonntagsschule, überwarf sich aber mit dem Pastor, da er dessen überstrenges und einseitiges Gottesbild nicht mittragen konnte. 1845 schloß MacDonald schließlich mit dem Magister Artium sein Studium in Aberdeen ab.

Der Abschluß bot eine gewisse Allgemeinbildung, qualifizierte aber nicht für einen bestimmten Beruf. MacDonald war unschlüssig, was er tun sollte. So entschloß er sich nach London zu gehen, wo er zunächst eine Stelle als Hauslehrer annahm. Nach längerem Nachdenken begann er ein Theologiestudium am protestantischen freikirchlichen (nicht anglikanischen) Highbury College in London, wo er zum kongregationalistischen Geistlichen ausgebildet wurde. Nach dem Abschluß erhielt er eine Pfarrstelle in Arundel an der englischen Südküste.

Noch vor Abschluß des Studiums lernte MacDonald die Familie der Powells kennen. Er verliebte sich in die Tochter Louisa. Die Liebe wurde erwidert und auch die Eltern waren mit der Verbindung einverstanden. Allerdings musste mit der Hochzeit gewartet werden, bis MacDonald seine Frau auch ernähren konnte. Deshalb bedeutete die Pfarrstelle auch die Möglichkeit zur Heirat. Doppeltes Glück. Doch das Glück blieb nicht ungetrübt. MacDonald erkrankte noch vor der Heirat schwer. Es bestand der Verdacht auf Tuberkulose. Diese Krankheit raffte damals schließlich unzählige Menschen - darunter auch einen seiner Brüder - dahin. Doch zumindest vorerst erholte sich MacDonald, auch wenn ihn sein Leben lang Beschwerden begleiten sollten.

Nach seiner Erholung konnte MacDonald seine Pfarrstelle antreten und am 8. März 1851 schließlich heiraten. Im Jahr darauf wurde das erste Kind, die Tochter Lilia, geboren. Ein Leben als kongregationalistischer Pfarrer schien vorgezeichnet. Doch schon 1853 wurde er beinahe zeitgleich zur Geburt der zweiten Tochter - wegen Häresieverdachts zum Rücktritt gezwungen.

Nun arbeitslos zog MacDonald nach Manchester. Dort schlug er sich mit gelegentlichen Vorlesungen und Predigten durchs Leben. Außerdem arbeitete er an seinem ersten großen Gedicht Within and Without, das schließlich 1855 auch veröffentlicht wurde. Es brachte keinen großen finanziellen Gewinn, doch waren die Besprechungen zum Teil sehr gut. Es brachte ihm die Achtung einiger damals sehr bedeutender Persönlichkeiten: z. B. von den beiden Theologen und Sozialreformern F. D. Maurice (1805-1872) und A. J. Scott (1805-1866) sowie von Lady Byron. Letztere war die Witwe des berühmten Dichters Lord Byron. Sie wurde zu einer großen Förderin MacDonalds. So überredete sie ihn, den Winter 1856/57 in Algier zu verbringen und sorgte natürlich auch für die dafür notwendige Finanzierung. Diese Reise tat seiner Gesundheit gut und brachte neue literarische Anregungen.

Aus gesundheitlichen Gründen kehrte MacDonald nicht mehr dauerhaft nach Manchester zurück. Er zog vorübergehend nach Hastings. Inzwischen waren drei weitere Kinder geboren. Bald danach ging es nach London, wo er eine - wenn auch schlecht bezahlte - Professorenstelle für Englisch am Bedford College annahm. Dieses College war der Versuch, eine Einrichtung für die höhere Bildung von Frauen zu schaffen. Auf Vermittlung von F. D. Maurice fand MacDonald einen Verleger für seinen phantastischen Roman Phantastes, der einerseits ein großartiges und für die Entwicklung der phantastischen Literatur bedeutsames Werk ist, aber finanziell keinen sonderlichen Erfolg brachte. In diese Zeit fällt der Tod von Lady Byron. Sie vermachte MacDonald 200 Pfund, was damals durchaus eine größere Summe war. Diese unerwartete Erbschaft kam zur Zeit größter finanzieller Schwierigkeiten. Nachdem MacDonalds Frau Louisa die Geldbörse verloren hatte, war nämlich weder im Haus noch auf der Bank auch nur ein Penny zu finden. In diese Zeit fällt aber auch ein Ereignis, das MacDonalds Kinder Literaturgeschichte schreiben ließ. Ein Freund MacDonalds, Charles Dogdson (1832-1898) besser bekannt unter seinem Pseudonym Lewis Caroll, bat die MacDonald-Kinder 1863, sein unveröffentlichtes Manuskript von Alice's Adventures in Wonderland zu lesen. Die Kinder waren begeistert, was Dogdson ermunterte dieses Werk zu veröffentlichen. So wurde die Weltliteratur um einen Klassiker reicher.

1863 brachte MacDonald schriftstellerischen Erfolg. Er veröffentlichte den Roman David Elginbrod. Ein - wie viele viktorianische Romane - christlicher Roman, der ein wirklicher Erfolg wurde. Damit hatte er den schriftstellerischen Durchbruch geschafft. Zwar war das Geld nicht viel, für eine immer größer werdende Familie, aber die Zeit der Armut war von nun an vorüber. Er hatte nie mehr Probleme einen Verleger zu finden.

Auch MacDonalds gesellschaftliche Position verbesserte sich. Seine alte Universität, Aberdeen, verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. Sein eigenes Haus in London, The Retreat, wurde geradezu zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt. So kamen Freunde wie Russel Guerney (1804-1878), Abgeordneter und zeitweise britischer Sondergesandter in Washington, John Ruskin, die Sozialreformerin Octavia Hill (1838-1912) und sogar der Hofdichter Alfred Lord Tennyson (1809-1892). Weitere enge Freunde waren Lord und Lady Mount-Temple (1822-1901). Lord Mount-Temple (1811-1888) war ein bedeutender Politiker, der für Sozialreformen und den Erhalt der Londoner Parks eintrat, der aber auch sehr religiös war und auf seinem Landhaus Broadlands zu religiösen Konferenzen einlud. Häufiger Redner dabei war George MacDonald.

MacDonalds Aktivitäten beschränkten sich nicht auf Großbritannien. 1872 besuchte er für längere Zeit die Vereinigten Staaten, wo er zahlreiche Vorlesungen und Predigten hielt. Die dauernde Belastung brachte ihn zwar mehrfach an den Rande des gesundheitlichen Zusammenbruchs, aber er hielt durch. Zwar war die Reise finanziell nicht so erfolgreich wie erhofft. Aber sie ermöglichte Freundschaften mit bedeutenden Amerikanern, insbesondere mit Mark Twain.

1877 brachte gleich drei Neuerungen im Leben der MacDonalds. Zunächst zwei positive. Louisa überlegte, wie sie den häufigen finanziellen Schwierigkeiten abhelfen könnte. Immerhin war die Zahl der Kinder inzwischen auf elf angewachsen. So organisierte sie Theateraufführungen, bei denen die Familie MacDonald eine Theaterfassung von Bunyans Pilgrim`s Progress aufführte. Diese Theateraufführungen gehörten in der Folgezeit zum Leben der MacDonalds dazu. Die beste Schauspielerin war die älteste Tochter Lilia als Christiana. MacDonald spielte den Greatheart. Die zweite große Veränderung im Leben der MacDonalds war, dass MacDonald eine staatliche Pension für seine literarisches Werk erhielt. Die dritte Veränderung war eine Katastrophe. Die Tochter Mary Josephine erkrankte an Tuberkulose. Diese schreckliche Krankheit sollte von nun an die Familie nur noch kurzzeitig verlassen.

 

 

 

Wegen der Krankheit von Mary Josephine reiste die Familie für den Winter nach Italien, wo Mary Josephine 1878 starb. Im Jahr darauf, wieder in Italien, starb der Sohn Maurice und musste als Anglikaner dort auch noch in ungeweihter Erde bestattet werden. Wenigstens MacDonalds eigener Gesundheit tat das italienische Klima sehr gut. Deshalb ließ sich von nun an die Familie für den Winter in Bordhigera nieder. In dieser Küstenstadt fast an der Grenze zu Frankreich hatten sich damals wegen des guten Klimas zahlreiche Engländer angesiedelt. Dort gab es sogar eine eigene anglikanische Kirche. Ein Kreis von Freunden und Bewunderern finanzierte den MacDonalds den Bau eines Hauses mit einem großen Raum für Theateraufführungen und Vorlesungen. Hier war von nun an die Hauptwirkungsstätte MacDonalds.

Die nächsten großen Schicksalsschläge waren der Tod der Töchter Grace (1884) und Lilia (1891). Lilias Schicksal war besonders tragisch, da sie eine Freundin bis zum Tod pflegte und sich dabei selbst infizierte. 1898 schließlich erlitt MacDonald einen Schlaganfall. Von nun war die Zeit des Redens und Schreibens zu Ende. Ein langes Schweigen hatte begonnen. Noch gab es glückliche Momente. So 1901 die Goldene Hochzeit. Doch schon ein Jahr später starb Louisa und wurde in Bordighera begraben. 1905 folgte er ihr schließlich nach. Er starb in England. Seine Asche wurde nach Bordighera überführt und an der Seite seiner Frau beigesetzt.

 

Kinderbücher und phantastische Literatur

MacDonalds am häufigsten gelesene Werke dürften heute seine Kinderbücher sein, die immer wieder neu aufgelegt werden. At the Back of the North Wind (1871) spielt im viktorianischen London. Diamond, ein kleiner Junge, der Held der Geschichte, wird von der geheimnisvollen Gestalt des Nordwinds, in eine tiefere, wunderbarere Welt geführt. Themen wie Leid und Tod spielen eine wichtige Rolle. Ganz in einer phantastischen Welt spielen die beiden Bücher The Princess and the Goblin (1872) und The Princess and Curdie (1883). Das erste der beiden Bücher war für Chesterton das Buch, das ihn am meisten geprägt hat.
Neben den Kinderbüchern schrieb MacDonald zwei weitere phantastische Bücher. Zu Beginn seines Schaffens den Phantastes, eine Reise in eine geheimnisvolle Welt. Ein großes, wenn auch nicht immer einfaches Werk der frühen phantastischen Literatur Das gilt vielleicht noch mehr für Lilith (1895), MacDonalds spätes große Werk. Es ist voll tiefer manchmal schwer verständlicher Symbolik.
Der renommierte britische Literaturwissenschaftler Stephen Prickett geht soweit, MacDonald als den möglicherweise größten Autor phantastischer Literatur überhaupt zu bezeichnen. Denn, er hat deren ganze weitere Entwicklung sowohl in der Theorie als auch in der Praxis sehr geprägt.

 

Romane

Der Großteil von MacDonalds Werk sind Romane. Damit passt er in die viktorische Zeit, die eine Blütezeit des Romans war. Man denke nur an Charles Dickens und Anthony Trollope. Auch die tiefe christliche Prägung seiner Romane passt in diese Zeit. Nicht dass das für alle viktorianischen Romane gelten würde, aber doch für sehr viele. Bei MacDonald kann man von geistlichen Entwicklungsromanen sprechen. Die Geschichte endet nicht unbedingt mit Reichtum oder einer Heirat, und wenn doch ist das sekundär, sondern im Zentrum steht die Weiterentwicklung des Helden als Mensch und als Christ. Ein Teil der Romane spielt in England, wo MacDonald viele Jahre lebte. Vielleicht noch besser sind die in Schottland spielenden Romane, in denen vieles von MacDonalds Jugend hineinfloss. Doch leidet der Leser an MacDonalds Verwendung des schottischen Dialekts, der zwar manchen Dialogen zusätzliche Authentizität verleiht aber nicht unbedingt zur Verständlichkeit beiträgt.

 

Gedichte

MacDonald verstand sich als Dichter. Sein erstes größeres Werk war mit Within and Without ein langes Gedicht. Viele weitere lange und kurze Gedichte folgten. Außerdem übersetzte er deutsche Gedichte. So die Geistlichen Lieder und die Hymnen an die Nacht von Novalis. Besonders interessant ist das Diary of an Old Soul. Diese Sammlung zusammenhängender geistlicher Gedichte ist geprägt vom Vertrauen auf Gott in dunklen Zeiten. MacDonald schrieb es in einer Zeit, in der der Tod besonders in seiner Familie wütete.

 

Die Predigten

Offiziell hatte MacDonald mit dem Verlust seines Pfarramtes seine Kanzel verloren. Doch inoffziell predigte er weiter. Das gilt für seine tatsächlich gehaltene Predigten; denn verschiedene Gemeinden luden ihn als Gastprediger an. Das gilt noch stärker für seine Schriften. Wohl alle seine Werke sind massiv von seinem Glauben geprägt. Ganz besonders trifft dies für seine veröffentlichten Predigten zu. Er veröffentlichte drei Bände Unspoken Sermons. Dazu kommen zwei weitere Bände mit Predigten. Der eine erschien unter dem Titel The Miracles of our Lord und beschäftigt sich eben mit den Wundern Jesu, während der andere den Titel The Hope of the Gospel hat.

Die Predigten sind der beste Zugang zum Glauben MacDonalds. Zwar ist sein Gedankengang manchmal sehr anspruchsvoll, was das Lesen erschwert. Aber der Leser stößt auf viele tiefe Einsichten, die für jeden Christen hilfreich sind. C. S. Lewis sagte einmal, dass diese Bücher jedem, dem er sie empfohlen hätte, weitergeholfen hätten. Wichtige Gedanken MacDonalds sind Gott als der Vater, Gott als der liebende Gott, aber auch der Anspruch an den Menschen, sich an der Vollkommenheit Gottes zu orientieren. Zwar hofft MacDonald auf die Rettung aller Menschen, aber er verkennt nicht, dass das die eigene Entscheidung jedes einzelnen Menschen dessen Rettung unbedingt nötig ist.


Ausblick

MacDonald zählt zu den interessantesten Gestalten des 19. Jahrhunderts. Er hat seine Zeit mitgeprägt. Aber sein Einfluss beschränkt sich nicht auf seine Zeit. Bedeutende Autoren des 20. Jahrhunderts - wie Chesterton und Lewis - wurden von ihm beeinflusst, wodurch MacDonald auch indirekt weiter wirkt. Bis heute schenken seine Bücher, vor allem seine Kinderbücher, unzähligen Menschen Freude beim Lesen. Bis heute hilft er vielen Menschen in ihrem Glaubensleben.

Diese kurze Einführung in sein Leben und Wirken kann nur einen ersten Eindruck bieten. Es lohnt sich, MacDonalds Werke selbst zu lesen. Sie sind auch heute höchst aktuell.

Thomas Gerold

Thomas Gerold hat mehrfach zu George MacDonald publiziert (Publikationen). Seine Studie "Die Gotteskindschaft des Menschen. Die theologische Anthropologie bei George MacDonald" kann beim Verlag unter folgender www-Adresse vorbestellt werden:

 

 

 

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