John Keble

John Keble ist heute recht unbekannt. Selbst im englischen Sprachraum ist er fast nur noch durch einige seiner Kirchenlieder - wie "Sun of my Soul" - präsent. Und doch war er im neunzehnten Jahrhundert eine der bekanntesten christlichen Persönlichkeiten Englands. Heute mag er vergessen sein, aber er hat bleibende Spuren hinterlassen.

Geboren wurde er 25.04.1792 als Sohn eines anglikanischen Geistlichen in Fairford (Gloucestershire) in England. Mit 14 begann er sein Studium in Oxford, daß er mit Bestnoten abschloß. Bald danach erhielt er eine Stelle als Fellow am angesehenen Oxforder Oriel College, außerdem unterstützte er seinen Vater bei dessen seelsorgerischen Aufgaben. 1827 erschien sein Gedichtband "The Christian Year", der ihn in England rasch bekannt machte. 1831 wurde er für fünf Jahre zum "Professor of Poetry" gewählt, und gleich im Anschluß für weitere fünf Jahre bestätigt. Seine Vorlesungen hielt er auf Latein, weshalb sie in Vergessenheit geraten sind. Neuere Forschungen zeigen, daß sie dennoch die Theorie der Dichtung stark mitgeprägt haben. Sein Nachfolger, der als erster seine Vorlesungen auf Englisch hielt, und sie damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte, war jedenfalls sehr von Kebles unbekannt gebliebenen Vorlesungen beeinflußt. Neben diesem Amt hatte Keble eine Pfarrei inne. Ab 1836 war er in Hursley tätig, das er bis zu seinem Tod 1866 versorgte.

Im Oriel College lernte Keble den 1822 zum Fellow gewählten John Henry Newman kennen. Beide waren führende Köpfe der sogenannten Oxford Bewegung. Die Oxford Bewegung war der Versuch, die katholischen Elemente in der anglikanischen Kirche wieder zu stärken. Dazu gehörte eine besondere Pflege der Kirchenväter und die theologische Beschäftigung mit entsprechenden Themen in den "Tracts of Time" einer Reihe von Traktaten, an denen sowohl Keble als auch Newman mitschrieben. Eine weitere bedeutende Gestalt dieser Bewegung war Edward Boverie Pusey. Keble genoß innerhalb dieser Gruppe eine besondere Achtung. Er war schon vorher etablierter Dichter und Gelehrter und brachte sein Ansehen in die Gruppe mit ein. Außerdem gilt seine Predigt "National Apostasy", die er am 14. Juli 1833 in Oxford hielt, und die den sich immer mehr vom Christentum entfernenden Staat hart kritisiert, aber statt zur Revolution zum Gebet für und zur stärkeren Präsenz in dieser Gesellschaft auffordert, als Beginn der Oxfordbewegung. Er hat hier die Anglikaner im Blick, aber vielleicht könnte man das heute getrost auf die Christen insgesamt übertragen. Keble war ein bedeutender Vertreter dieser Bewegung. Aber es war nicht seine Art, gewissermaßen zum Leiter zu werden, auch wenn die anderen häufig um seinen Rat nachsuchten. Am bekanntesten wurde auf die Dauer Newman, der lange Jahre fast eine Art heimliches Oberhaupt dieser Richtung war. Er versetzte den anderen allerdings einen schweren Schlag als er zur Römisch Katholischen Kirche konvertierte, ein Schritt der von Keble geradezu als Verrat angesehen wurde. Spätestens von da an war Pusey die führende Gestalt dieser Bewegung. Die Oxfordbewegung wurde zu Lebzeiten Kebles innerhalb der anglikanischen Kirche sehr mißtrauisch beäugt. Dies führte dazu, daß Keble jede größere kirchliche Karriere verwehrt blieb. Er hatte sogar mit Schikanen von Seiten liberaler Bischöfe zu kämpfen. Auf lange Sicht gesehen, wirkte die Oxfordbewegung aber sehr positiv. Das vorreformatorische Erbe innerhalb der anglikanischen Kirche wurde stärker gepflegt, ja teilweise sogar neu entdeckt. Ein Prozeß der sowohl zur geistlichen Erneuerung beitrug, als auch die im zwanzigsten Jahrhundert folgende Öffnung zur Ökumene mit der katholischen Kirche vorbereitete. Vielleicht hätte Keble diese Entwicklung, das Gespräch mit dem in seinen Augen irrenden Rom, nicht immer behagt, aber er hat es mit vorbereitet.

Noch stärker als als Priester und Theologe wirkte Keble als Dichter. Sein 1827 erschienenes "Christian Year" wurde eines der bekanntesten englischsprachigen Bücher im 19. Jahrhundert überhaupt. Es stand in vielen englischen Haushalten. Mein eigenes Exemplar stammt von 1870 und es ist immerhin schon die 126. Ausgabe. Das sind nahezu drei Ausgaben pro Jahr und das über Jahrzehnte. Das Buch ist als eine Art Begleitung zum kirchlichen Jahr konzipiert und besteht aus einem Gedicht für jeden Sonntag und für jedes kirchliche Fest im Jahr. Dabei richtet es sich nach dem Kalender des Books of Common Prayer, dem traditionellen anglikanischen Gebetbuch, das von 1549 (bzw. in der zweiten Ausgabe 1552) bis vor kurzem das eine offizielle liturgische Buch - und seit den achtziger Jahren eines der offiziellen liturgischen Bücher - der anglikanischen Church of England war und ist. Keble will mit seinen Gedichten keine Hilfe für die Verstandes- sondern für die Gefühlsseite des Glaubens bieten. Das diese Seite des Glaubens wichtig, ja mindestens genauso wichtig wie die Verstandesseite ist, dürfte für jeden religiösen Menschen selbstverständlich sein. In den Gedichten spielen sowohl die Bilder der Natur, als auch die Bibel eine große Rolle; denn beide helfen sich Gott zu nähern, da sie beide auf Gott zurückgehen. Daß Kebles Buch für viele eine Hilfe war, wird schon dadurch gezeigt, daß es zum Standdardwerk wurde. Auch für ihn waren die Gedichte eine Hilfe. Es heißt, auch für die Verarbeitung seiner eigenen religiösen Gefühle, wären ihm die Gedichte eine große Hilfe gewesen. Es erstaunt, daß er und sein Werk nach 1900 relativ rasch in Vergessenheit gerieten. Dafür dürfte es mehrere zusammenhängende Gründe geben. So setzen seine Gedichte oft gute Bibelkenntnisse voraus, die immer seltener wurden und bedauerlicherweise heute zur großen Ausnahme geworden sind. Darüber hinaus richtet sich spezifisch christliche Dichtung in erster Linie an eine christliche Leserschaft. Die geht zumindest in der westlichen Welt schon länger zurück. Dazu mag noch das modische Ressentiment gegen das neunzehnte Jahrhundert kommen, das Vorurteil nachdem Autoren des 20. Jahrhunderts denen der vorangegangenen Zeit vorzuziehen seien. Nicht verschwiegen werden sollte auch, daß manche seiner Gedichte durchaus verbesserungswürdig sind. Aber das völlige Vergessen ist nicht gerechtfertigt.

Ich hoffe, mit dieser kurzen Einführung einen Einblick in John Keble Leben und Werk gegeben zu haben. Er war Priester, Theologe und Dichter. Er hat das neunzehnte Jahrhundert und damit auch die folgenden geprägt. Ich denke, er ist es wert, sich mit ihm zu beschäftigen.

Thomas Gerold

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