Literatur


 

 

The Horse and his Boy – Der Ritt nach Narnia

Eine phantastische Reise von Calormen nach Narnia

The Horse and his Boy ist ein ungewöhnlicher Titel. Dass ein Junge ein Pferd besitzt, kommt vor. Aber dass ein Pferd einen Jungen besitzt, ist ungewöhnlich. Diesen Titel trägt im englischen Original ein Band der Chronicles of Narnia von C. S. Lewis. Dieses Buch unterscheidet sich nicht nur in seinem Titel von den anderen Büchern dieser Reihe. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Hauptperson, nämlich der Junge Shasta, nicht aus unserer Welt kommt, sondern aus der Narnias. Und – wie jede der Chroniken von Narnia – hat auch dieser Band eine ganz eigene Atmosphäre. Denn der Leser wird hier zunächst nach Calormen entführt, dem Großreich im Süden Narnias.


Inhalt

Shasta begegnet uns zunächst in einer ärmlichen Hütte an der Küste von Calormen. Dort lebt er beim Fischer Arakesh, den er zunächst für seinen Vater hält. Von diesem wird er nicht allzu gut behandelt und wird für alle anfallenden Arbeiten eingesetzt. Eines Tages erscheint Arradin, ein stolzer Tarkaan, also einer der Großen des Landes, und will dem Fischer Shasta abkaufen. Dieser belauscht das Gespräch und denkt anschließend laut darüber nach, was wohl auf ihn zukommen würde. Dadurch wird Bree, das Pferd des Tarkaans, auf ihn aufmerksam. Es ist eines der sprechenden Pferde aus Narnia. Bree wurde in seiner Jugend gefangen und nach Calormen verkauft. Er warnt Shasta vor der Grausamkeit seines bisherigen Herrn. Sie beschließen, gemeinsam nach Narnia zu fliehen; denn weder ein Pferd ohne Reiter noch ein Junge ohne Reittier haben allein eine Chance durchzukommen.

Noch in der Nacht brechen beide auf. Sie reiten in Richtung Narnia, was auch heißt, in Richtung der Hauptstadt Tashbaan. In der Nacht hören sie das Brüllen eines Löwen. Im Galopp versuchen sie zu fliehen. Doch das Löwengebrüll kommt von zwei Seiten. Sie fliehen in die einzige Richtung, die ihnen bleibt. Ein anderes Pferd mit einem Reiter in Rüstung wird ihnen entgegen getrieben. Durch einen Meeresarm hindurch entkommen sie dem Löwen. Beim Schwimmen hört Bree das andere Pferd sprechen. Es ist ebenfalls ein sprechendes Pferd aus Narnia. Und der Reiter – bzw. die Reiterin – entpuppt sich als ein Mädchen aus vornehmer Familie, die vor der Zwangsverheiratung mit dem alten, buckligen Wesir flieht. So schwierig sich der Kontakt zwischen der Tochter aus einem vornehmen Haus und dem in der Hütte eines armen Fischers aufgewachsenen Shasta auch gestaltet, so beschließen sie auf Druck Brees und des anderen sprechenden Pferdes, der Stute Hwin, doch, die Flucht gemeinsam fortzusetzen.

Auf dem Weg nach Narnia muss auch die Hauptstadt Tashbaan durchquert werden. Das ist ein riskantes Unternehmen, bei dem Shasta von seinen Gefährten getrennt wird. Er stößt dort auf eine Delegation aus Narnia, die von Susan und Edmund angeführt wird. Er wird mit dem jungen archenländischen Prinzen Corin verwechselt und mitgenommen. Er hört zufällig, dass diese Delegation Narnias in Gefahr ist, vom calormenischen Prinzen Rabadash gefangen genommen zu werden. Gleichzeitig erfährt er von einem geheimen Weg nach Archenland und damit weiter nach Narnia. Er schleicht sich heimlich davon und verlässt die Stadt. Außerhalb der Mauern hat er nämlich mit Bree, Hwin und Aravis einen Nottreffpunkt vereinbart. Dieser befindet sich ausgerechnet an den alten Gräbern am Rande der Wüste. Als er dort die Nacht verbringt, hält ein Löwe, von dem sich Shasta natürlich sehr fürchtet, die sich nähernden Hyänen ab. Eine Katze tröstet ihn im Dunkeln.

Endlich treffen die anderen drei an den Gräbern ein. Aravis hat durch Zufall erfahren, dass Prinz Rabadash aus Ärger über die heimliche Abreise der Gäste aus Narnia, insbesondere Susans, die er mit Gewalt zu seiner Frau machen wollte, einen Angriff auf Narnia plant. Dabei soll zuerst Archenland hinterhältig mitten im Frieden angegriffen werden und dabei sollen alle Verteidiger getötet werden. Um Archenlands König Lune zu warnen, ist höchste Eile geboten. Die vier machen sich auf durch die Wüste. Durch höchste Anstrengung kommen sie auf der anderen Seite an. Als sie glauben, nicht mehr weiter zu kommen, verleiht ihnen die Angst vor einem Löwen, der sie verfolgt neue Kräfte. Der Löwe verletzt Aravis leicht. Mit letzter Kraft erreichen sie das Haus eines alten Eremiten, der am Rande Archenlands wohnt. Er nimmt sie auf, gibt ihnen Nahrung und versorgt die Wunden von Aravis. Shasta aber muss sehr schnell weiter, um den König von Archenland vor den Angreifern zu warnen.

Shasta läuft so schnell wie möglich los. Er erreicht König Lune, der gerade auf der Jagd ist, und warnt ihn. Der kehrt sofort zu seinem Schloss zurück. Shasta soll ihm und seinem Gefolge auf einem Pferd folgen, ist aber auf einem Pferd, das anders als Bree nicht sprechen kann, kein guter Reiter. Er verliert die Gruppe und gerät auf einen Weg, der über einen Bergpass nach Narnia führt. Im Nebel verliert er jede Orientierung. Voller Schrecken hört er jemanden neben sich atmen. Ein Unbekannter und im Nebel und der Dunkelheit auch Unsichtbarer schreitet neben ihm her. Er ist ängstlich, dennoch entwickelt sich ein Gespräch. Er erfährt, dass der, der neben ihm geht, der Löwe Aslan ist. Es ist der gleiche Löwe, der den Reisenden immer wieder unterwegs begegnet ist. Und es auch genau der Löwe, der Shasta als kleines Kind vor dem Tod gerettet hat, nachdem dieser entführt worden war. Denn Shasta ist eigentlich Cor, der älteste Sohn von König Lune. Shasta bzw. eigentlich Cor erfährt, dass Aslan ihm schon immer beigestanden hat.

Shasta kommt völlig erschöpft in Narnia an. Während er sich stärken und ausruhen kann, geben einige der Tiere die Nachricht vom Feind aus Calormen weiter, so dass schnell eine kleine Armee aufgestellt werden kann, um Archenland zu helfen. Shasta/Cor zieht mit, Archenland wird befreit, Shasta/Cor nimmt seinen Platz als Prinz auf dem Schloss ein, wo von nun an auch Aravis lebt. So geht alles gut zu Ende.

 

 

 

 

In Gottes Hand


Beim Aufeinandertreffen mit Aslan wird Shasta klar, dass er schon sein ganzes Leben lang unter dessen Schutz stand. Im Rückblick zeigt sich, dass ihm Aslan, der in den Narniabüchern für Christus steht, in den Situationen besonders nahe war, in denen er dessen Hilfe besonders nötig hatte. Interessant ist dabei, dass Aslan dies oft unerkannt tat, und Shasta sich deshalb vor ihm zunächst oft gefürchtet hatte. So jagt Aslan deshalb Shasta und Bree hinterher, damit diese und Aravis zusammentreffen. Und er geht deshalb im Nebel neben ihm her, damit er auf dem Weg bleibt und nicht in den Abgrund stürzt. Und auf dem Weg zum Eremiten wurden sie deshalb gejagt, weil nur so die beiden Pferde ihre letzten Kräfte mobilisieren und rechtzeitig ankommen konnten.

Das Thema Vertrauen zieht sich durch das ganze Buch. Das kann helfen, beim Lesen das eigene Vertrauen auf Christus zu überprüfen. Oder es ist auch eine Chance gerade für den Leser, der kein Christ ist, ein erstes Mal ein ähnliches Vertrauen kennen zu lernen, wie es der Glaubende Christus gegenüber bringt. Auch der Glaubende erfährt ja oft erst im Rückblick, dass Gott einem genau in den Zeiten besonders nahe war, in denen er besonders fern zu sein schien. Aber auch wenn dieses Thema immer mitspielt, so wirkt es doch nicht aufdringlich, sondern schwingt einfach im Hintergrund mit.

Eine ironische Attacke auf den Doketismus


Lewis gelingt es, auf durchaus humorvolle Art und Weise eine der großen christlichen Häresien anzugreifen, nämlich den Doketismus. Bei dieser Lehre geht es um die Behauptung, Christus sei nur zum Schein Mensch geworden, er wäre also ein als Mensch verkleideter Gott gewesen.

In Narnia steht für Christus Aslan, der dort ein echter Löwe ist. Für das sprechende Pferd Bree wäre es nun völlig respektlos zu glauben, dass Aslan ein echtes Tier wäre und vor allem einen echten Leib hätte. Das wäre alles nur metaphorisch zu verstehen, aber keinesfalls wörtlich. Bree, der das ganze Buch über sein eigenes Wissen etwas zu hoch einschätzt, also der typische Intellektuelle, wird plötzlich sehr kleinlaut, als er Aslan wirklich gegenübersteht und feststellt, dass dieser wirklich ein Löwe ist.

In verfremdeter Form attackiert damit Lewis die auch heute in manchen Kreisen gängige Haltung, eine Menschwerdung Gottes für unmöglich zu halten. Meist tritt dies heute zwar in der Form der Reduzierung Jesu auf einen bloßen Menschen auf, aber das Ergebnis ist dasselbe wie beim klassischen Doketismus: Die vollendete Gemeinschaft zwischen Mensch und Gott, die in und durch Christus möglich ist, wird zerstört. Die Trennung bleibt unüberwindlich. Es ist höchst interessant, wie Lewis hier ein Thema aus der theologischen Diskussion in seinem Kinderbuch aufnimmt. Es ist davon auszugehen, dass wenn Aslan hier Bree sagt: „Ich bin ein Tier wie du.“ Lewis damit dem Leser sagen will: „Christus ist so ein Mensch geworden wie du und ich.“

Ein lesenswertes Buch

   

The Horse and his Boy bereichert die Chronicles of Narnia sehr. Es ist das einzige dieser Bücher, das ganz in Narnia spielt. Es bietet dem Leser einen Einblick in das im Süden gelegene Calormen. So bringt es eine ganz eigene Atmosphäre ein, die sich von den anderen Büchern unterscheidet. Hinzu kommen die tiefer gehenden Themen, wie gerade das Vertrauen auf Gott, die mitschwingen. Und vor allem ist das Lesen dieses Buches ein echter Genus und schon allein deshalb sehr zu empfehlen.

Thomas Gerold


Thomas Gerold hat mehrfach zu C. S. Lewis und George MacDonald publiziert (Publikationen). Seine Studie "Die Gotteskindschaft des Menschen. Die theologische Anthropologie bei George MacDonald" kann beim Verlag unter folgender www-Adresse bestellt werden:

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