Interview


 

Interview mit dem Vorsitzenden des Katholisch Theologischen Fakultätentags zur Rechnungshofkritik an den theologischen Fakultäten in Bayern

 

QED: Herr Neuner, der Rechnungshof hat die Auslastung der theologischen Fakultäten massiv kritisiert. Als Bewertungsgrundlage hat er nur die Zahl der Diplomstudierenden herangezogen. Halten sie das für angemessen?

Prof. Neuner: Das ist natürlich eine höchst problematische Bewertungsgrundlage. Es ist inzwischen ein Großteil der Studierenden - zwei Drittel oder vielleicht sogar etwas mehr - Lehramststudierende, die auf das Lehramt katholische Religion in den unterschiedlichen Schulen zugehen. Ein erheblicher Teil unserer Arbeit ist es, dass wir uns um diese Studierenden bemühen. Wir müssen für sie eigene Studiengänge vorlegen, wir können sie nicht einfach vom Diplomstudiengang her betrachten und sie dann irgendwie in reduzierter Weise integrieren. Unsere Lehramtskandidaten dürfen eben nicht als Diplomstudierende minus gewisser Einheiten verstanden werden, sondern sie fordern mit Recht eigenständige Studiengänge. Diese nicht in die Bewertung mit einzubeziehen, ist eine massive Mißachtung und Verkennung dessen, was unsere Fakultäten faktisch zu leisten haben.

QED: Herr Neuner, neben der Ausbildung der Studierenden ist es die zweite große Aufgabe der theologischen Fakultäten, den christlichen Glauben mit wissenschaftlichen Methoden zu reflektieren. Hat diese zweite Aufgabe heute eine Bedeutung für die Gesellschaft?

Prof. Neuner: Wenn ich mich umsehe über die Bewertung und die Bedeutung der religiösen Thematik in unserer Gesellschaft, stelle ich zwei Tendenzen fest. Auf der einen Seite zeigt sich eine deutliche Zunahme religiöser Interessen und religiöser Herausforderungen, auf der anderen Seite aber auch das, was man landläufig als Säkularisierung bezeichnet. Beides geht Hand in Hand. Wahrscheinlich ist es realistisch zu sagen, dass derzeit die kirchliche Bindung in unserer Gesellschaft rückläufig ist. Das kirchliche Engagement gilt eher einer geringer werdenden Zahl unserer Mitbürger, jedenfalls in unserer mitteleuropäischen und wohl auch nordeuropäischen Situation. Aber das ist eine europäische Sonderentwicklung. In anderen Kulturkreisen, schon in Nordamerika, ist das ganz anders und mit Europa gar nicht vergleichbar. Daraus folgt, dass es auch bei uns eine breite religiöse Tendenz gibt. Man spricht sogar vom "Megatrend Religion", der sich allerdings einer kirchlich-gesellschaftlichen Integration, einer sozialen Bindung und auch einer rationalen Verantwortung weithin entzieht. Die Esoterikwelle ist im Augenblick eine höchst brisante Angelegenheit in unserer Gesellschaft. Hier scheint es mir in hohem Maße bedeutsam, dass die Theologie, die nun einmal die Aufgabe hat, über das religiöse Phänomen, über den christlichen Glauben nachzudenken, ihn auch rational zu verantworten und kritisch zu begleiten, in unserer Welt und Gesellschaft ernst genommen wird. Rational unkontrollierte und gegebenenfalls irrationale Religiösität kann in hohem Maße destruktiv und gefährlich werden. Die Beispiele stehen uns deutlich vor Augen. Hier hat die Theologie eine Aufgabe wahrzunehmen, die niemand anders in gleicher Weise zu erfüllen vermag, gerade in unserer Gesellschaft heute.

QED: Zu den religiös interessierten gehören auch viele Studierende anderer Fakultäten. Halten sie es für denkbar, auch diese an der Reflexion des christlichen Glaubens mit wissenschaftlichen Methoden teilhaben zu lassen? Man könnte beispielsweise an freiwillige aber zertifizierte Zusatzprogramme denken.

Prof. Neuner: Tatsächlich ist diese Transferleistung aus unseren Fakultäten hinein in die anderen Fakultäten ganz erheblich. Ich verweise noch einmal auf das, was wir uns überlegt haben im Zusammenhang mit den Lehramtsstudiengängen. Die Lehramtsstudiengänge sind grundsätzlich durch mehrere Studienfächer geprägt. Es werden unterschiedliche Themen und unterschiedliche Disziplinen zusammengebunden, je nachdem wie die Kombination jeweils gewählt wird, etwa Theologie und Germanistik, Theologie und Sprachen, oder was hier an Möglichkeiten alles gegeben ist. Alle diese Studiengänge würden jeweils entfallen, wenn diese Kombination nicht möglich wäre, also wenn die Theologie diese Aufgabe nicht zu leisten vermöchte. Das ist etwas, was schon jetzt mit großem Engagement und erheblicher Relevanz an unseren Fakultäten vollzogen wird.
Darüber hinaus stehen wir in einer Vielzahl von Magisterstudiengängen, wo Theologie als Nebenfach gewählt werden kann. Wir leisten Exportaufgaben z.B. für die Studierenden in den Berufsschulstudiengängen, also für künftige Religionslehrer an Berufschulen. So hat die theologische Fakultät der Universität München auch Lehrveranstaltungen an der Technischen Universität zu erbringen.
Darüber hinaus ist die Auseinandersetzung mit religiösen Inhalten eine der prägenden Herausforderungen unserer Kultur. Es wird niemand unsere geistige Welt hier in Europa oder im Abendland verstehen können, der sich nicht mit der christlichen Botschaft intensiv auseinandersetzt. Das gilt für Historiker. Das gilt für Literaturwissenschaftler in den verschiedensten Fächern. Für all dies steht selbstverständlich die Theologie zur Diskussion. Ein Beispiel: Ich habe heute noch ein Gespräch mit einer ausländischen Doktorandin der Architektur, einer Polin, die mich gebeten hat, sie in der theologischen Fragestellung, in die sie nicht eingearbeitet ist, mitzubetreuen und sie in diesem Aspekt ihrer Arbeit über den modernen Kirchenbau zu beraten. Das sind natürlich nicht Zahlen, die statistisch groß ins Gewicht fallen. Aber es wäre für die junge Dame aus Polen durchaus ein Problem, wenn sie in München niemanden finden würde, der diese Aufgabe wahrnimmt und der ihr in dieser Richtung behilflich sein kann. In der Frage, wie ein Kirchenbau gestaltet wird, müssen nun einmal auch theologische Probleme mitbedacht werden.

Prof. Dr. Peter Neuner lehrt in München Dogmatik und Ökumenische Theologie. Er ist seit 2002 Vorsitzender des Katholisch Theologischen Fakultätentags.

 

Sie sprechen zertifizierte Studiengänge an: Dass es über das Angesprochene hinaus Möglichkeiten gibt, auch strukturell und institutionell solche Studienverläufe und Studienpläne zu erarbeiten, beweist beispielsweise der Studiengang Religionswissenschaft hier an der Universität München oder Caritaswissenschaften, wie er etwa in Passau eingerichtet wurde. Derartige Studiengänge sind zweifellos möglich und sie sollten mit neuer Phantasie bedacht werden. Ich rege das ausdrücklich an.

QED: Herr Neuner, die theologischen Fakultäten sind ja jeweils in die Gesamtheit ihrer Universität eingebettet. Wie sehen sie die Bedeutung der theologischen Fakultäten für die jeweilige Universität?

Prof. Neuner: Das ist natürlich eine sehr vielschichtige Frage. Auf der einen Seite habe ich den Eindruck, dass die theologischen Fakultäten gerade als die Gründungsfakultäten mit einer langen Tradition in unseren Universitäten jedenfalls in Bayern hoch geschätzt werden. Gerade in den vergangenen Jahren, wo immer wieder einmal die Frage anstand, ob nicht theologische Fakultäten geschlossen werden müssen, haben insbesondere die jungen Universitäten um ihre theologischen Fakultäten gekämpft und sich bemüht, sie auf alle Fälle zu erhalten. Sie bringen nicht nur eine oftmals fünfhundertjährige Geschichte, sondern auch inhaltlich, gerade in der Lehramtsausbildung, Möglichkeiten, die ohne sie nicht gegeben wären, und deren Wegfall für die betroffenen Universitäten ein erheblicher Verlust wäre. Die größeren Universitäten mit fünfzehn, mit zwanzig Fakultäten, sind natürlich in sich gefestigt und brauchen diese Bestätigung von der Theologie her nicht in gleicher Weise. Aber dennoch scheint mir, dass die theologische Diskussion eine Aufgabe hat, die für die Universitäten als ganze unverzichtbar ist. Man könnte das jetzt im einzelnen durchdiskutieren. Natürlich ist vieles in die Philosophie abgewandert, was traditionell in der Theologie erörtert wurde, etwa in den Fragen der Werte und der Ethik, in der Deutung der Wirklichkeit. Aber unsere Gesellschaft steht nach wie vor auf einem Fundament, auf einer Basis, die in der Theologie mitgedacht und mitbedacht wird, einer Basis, die für unsere rationale Auseinandersetzung um die Wirklichkeit und um ihre Deutung von elementarer Bedeutung ist. In der Theologie werden nicht nur Einzelfragen, Einzelheiten und Nebensächlichkeiten bedacht, sondern es geht um das Ganze unseres Lebens, es geht um den Sinn des Ganzen und der Wirklichkeit in ihrer umfassenden Gestalt. Dies zu thematisieren und von hier aus Entwürfe zu machen, wie unsere Welt, unsere Gesellschaft auszusehen hat oder aussehen sollte, auf welche Ziele sie zugehen könnte, dazu bietet die Theologie eine Möglichkeit, Antworten zu formulieren, die niemand sonst in gleicher Weise zu geben vermöchte.

 

Das Interview führte Thomas Gerold

 

Weitere Beiträge zur Situation der theologischen Fakultäten:

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