Interview


 


Welchen Segen hat die deutsche Kirche dadurch empfangen!

Interview mit Prof. Ehrenfried Schulz zur Zukunft der Laientheologen

 

 

 

QED: Welche Bedeutung sehen Sie im Berufsbild des Pastoralreferenten?

Die Würzburger Synode war eine Versammlung der deutschen Bischöfe zusammen mit Priestern und Laien, die versuchte das II. Vatikanische Konzil in Deutschland umzusetzen.

 

Schulz: Der Beruf des Pastoralreferente (Frauen sind immer selbstverständlich mitgemeint) ist eine Frucht der Würzburger Synode, also eine Nachfolgefrucht des II. Vatikanischen Konzils, wo es eindeutig um die theologisch-kirchliche Aufwertung des Allgemeinen Priestertums aus Taufe und Firmung ging. Im Gefolge der Würzburger Synode wurde der Beruf des Pastoralreferenten in den meisten bundesdeutschen Bistümern heimisch. Die Fachkompetenz liegt im Erwerb des Theologischen Diploms an einer Theologischen Fakultät, die spirituelle Kompetenz wird in einem Bewerberkreis durch Bistumsverantwortliche vermittelt, wo auch die personale Kompetenz des Bewerbers geprüft wird. Der Beruf der Gemeindereferenten profilierte sich aus dem in der Nachkriegszeit geborenen Stand der Seelsorgehelferinnen. Pastoralreferenten arbeiten sowohl in der Gemeinde- als auch inder Kategorialseelsorge. Letztere ergänzt die Gemeindepastoral als Jugend-, Klinik-,und als Hochschulseelsorge.
Es ist mir wichtig zu betonen, dass beide Berufe nicht als Lückenbüßer für die zurückgegangene Zahl an Priestern anzusehen sind, sondern sich aus dem aus Taufe und Firmung stammenden Sendungsauftrag des Allgemeinen Priestertums herleiten. Wenn man einmal auflisten würde, welche pastoralen Tätigkeiten von den beiden Berufszweigen wahrgenommen werden - und zwar stets in Kooperation mit den Priestern - dann kann man nur zu dem Urteil finden: Welchen Segen hat die deutsche Kirche dadurch empfangen! Es gibt Bistümer, in denen auf 100 Priester 56 hauptamtliche Pastoral- und Gemeindereferenten kommen. In drei Jahrzehnten hat sich - grosso modo - die Zusammenarbeit bewährt. Da gibt es überhaupt keinen Zweifel.

QED: Welche Bedeutung haben Laien mit theologischer Kompetenz in der Gemeinde? Welche Rolle spielt das Theologiestudium der Pastoralreferenten im Unterschied zu den mehr praktisch-theologisch ausgebildeten Gemeindereferenten?

Schulz: Beide Berufe leiten sich von den biblisch bezeugten Charismenkatalogen (Röm 12; 1 Kor 12-14) her. Die Pastoral- und Gemeindereferenten sind zwar von den theologischen Ausbildungsprofilen und kirchlichen Einsatzfeldern her zu unterscheiden, nicht aber von der charismatischen Berufungsdimension. Das entspricht präzise den unterschiedlichen Aufgaben in der Seelsorge: Ich kann mir vorstellen, dass in der Kommunion- und Firmvorbereitung der Gemeindereferent sein klassisches Tätigkeitsfeld erblickt, während in der Kirchlichen Erwachsenenbildung der Pastoralreferent seine theologische Fachkompetenz einbringt.

QED: Zwar hat der Pastoralreferent seinen Platz in der Gemeinde, jedoch werden die aktuellen Einsparmaßnahmen massiv vorangetrieben. Das stößt viele Menschen vor den Kopf, die sich in der Kirche engagieren und arbeiten wollen, die gerade jetzt Theologie studieren. Leider gewinnt man den Eindruck, dass zuerst an den Pastoralreferenten gespart wird, wie in einigen Diözesen zu beobachten ist. Wie sehen Sie diese Entscheidung der Bischöfe? Befürchten Sie dadurch eine Verschlechterung der Seelsorge?

Schulz: Wenn immer in der Seelsorge im Personalbereich gespart wird, dann muss sich deren Situation verschlechtern. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die deutsche Kirche nicht übermäßig personell ausgestattet, zumal wenn man auf die Alterspyramide der Priester schaut. Der Hinweis auf die Sparnotwendigkeit von Seiten der Kirche ist durchaus begründet. Die Steuerreform hat der Kirche enorme Einnahmebußen gebracht. Hinzu kommt, was selbstredend richtig ist, dass Kinder, Arbeitslose und Senioren keine Steuern zahlen. So zahlen gegenwärtig etwa 40% der Kirchenmitglieder noch Steuern. Die Bistümer müssen also bei den Ausgaben die Bremse einlegen. Das Problem ist nicht die Sparnotwendigkeit, sondern dass manche Bistümer die Finanzsituation fehl eingeschätzt haben. Darum gehen diese nun auf Vollbremsung, d.h. nicht nur Einstellungsstopp, sondern sogar Ausstellung von Personal. Und in diesen Bistümern stehen die Theologiestudierenden, die den Beruf des Pastoralreferenten ergreifen wollen, plötzlich vor der Tür. Andere Bistümer, wie das Erzbistum München und Freising zum Beispiel, haben immer einen ausgeglichenen Finanzhaushalt vorgelegt und brauchen nicht so plötzlich und drastisch Ausgabenbegrenzung betreiben, weil sie bereits vor Jahren im Bau- und Verwaltungssektor zu sparen begonnen hatten und den Personalbereich dadurch verschonen konnten.

QED: Glauben Sie, dass es solche Einsparmöglichkeiten auch in jenen Bistümern gäbe, in denen ein massiver Einstellungsstopp praktiziert wird, und damit noch ein Umdenken möglich wäre?

Schulz: Zunächst ja! Weiterhin würde ich mir vorstellen, dass gerade Gemeinden, die das wohltuende Wirken von Pastoral- und Gemeindereferenten erfahren haben, auch bereit wären, im Jahr ein bis zwei Sonderkollekten zum Erhalt dieser Seelsorgsberufe mitzutragen. Woher nehme ich diesen Optimismus? Wiederum darf ich auf das Erzbistum München und Freising verweisen: Dort wird seit dem Schuljahr 2004 seitens der Schulen in Kirchlicher Trägerschaft von den Schülern bzw. von deren Eltern ein Solidaritätsbeitrag von 40.- E erhoben. Die Eltern zahlen das anstandslos. Und ebenso gilt: Wer finanziell das nicht erbringen kann, ist freigestellt.
Insofern sehe ich hier auch für den Fortbestand der beiden eingeführten Seelsorgsberufe durchaus eine finanzielle Ressource, die m.E. noch kaum ernsthaft erwogen worden ist.

QED: Sehen Sie einen Konflikt oder eine Konkurrenzsituation zwischen Priestern und Laien? Wenn ja, wo sehen Sie Gründe für die Ängste, das eventuell Laien Bereiche übernehmen könnten, die bisher Priestern vorbehalten waren?

Schulz: Mit dem neuen Berufsbild der Pastoral- und Gemeindereferenten kam das Stichwort der "Kooperativen Pastoral" auf. Das besagt: Den Priestern obliegt der Bereich der Sakramente, der Homilie in der Eucharistiefeier, der pfarrliche Leitungsdienst. Den beiden anderen Berufszweigen fallen RU, Gemeindekatechese, Leitung und Verkündigung in Wortgottesdienstfeiern, Jugendarbeit und Beratungsdienste zu.
Kooperative Pastoral meint Abstimmung, Aufteilung und Zuordnung, damit für die Gemeinde das jeweils Beste erbracht wird. Allerdings, wo Menschen am Werk sind, gibt es nicht nur die gewünschte synergetische Kooperation, sondern bedauerlicher Weise immer auch eine unheilige Konkurrenz. Das, was Sie in Ihrer Frage ansprechen, ist leider öfter der Fall, aber nicht der Normalfall. Ich sehe in solchen Konkurrenzen weniger eine theologische Zuständigkeitskonkurrenz als eine personal-defizitäre Erfahrungskonkurrenz. Was ist damit gemeint?
Als vor drei Jahrzehnten die beiden Berufszweige der Pastoralreferenten und Gemeindereferenten in der deutschen Kirche eingeführt wurden, waren die Pfarrer durchwegs berufserfahren und an Jahren älter als die neuen Mitarbeiter. Inzwischen ist jene Pfarrergeneration in den Ruhestand getreten, die damaligen jungen Mitarbeiter sind berufserfahrener geworden und die heute recht jung ins Pfarramt tretenden Priester fühlen sich bisweilen von deren Erfahrungskompetenz "überfahren". Demzufolge kommen Spannungen auf. Das zu sehen, heißt aber nicht, dass es nicht lösbar wäre: durch das regelmäßige Dienstgespräch, durch Supervision, durch respektvoll-bescheidenes Begegnen beider Seiten. Dazu hat die Vor-
bereitung auf den pastoralen Dienst beizutragen. Ich habe sieben Jahre im Rahmen der Theologischen Fortbildung in Freising die Kurse "Führen und Leiten in der Kirche" begleitet. Selbstredend ging es bei diesem Kursprofil um Konflikte bzw. um deren Lösungsansätze. So kann ich mit Überzeugung sagen: Dass es Konflikte gibt, liegt weder an den Laien noch an den Priestern, sondern an den jeweils individuellen Personen, die entweder nicht gelernt haben oder notorisch nicht in der Lage sind aufeinander zuzugehen. Auf der Sachebene der Zuständigkeiten wird lediglich die voraus und zugrunde liegende Beziehungsstörung ausgetragen.

 

 

 

Professor Dr. Ehrenfried Schulz lehrt in München Religionspädagogik und Kerygmatik. Er ist neben seiner wissenschaftlichen Arbeit seit Jahrzehnten als Priester in der Seelsorge tätig.

QED: Aus der Schweiz sind Konzepte bekannt, dass Pastoralreferenten auch anstelle des Priesters eine Gemeinde leiten. Wie schätzen Sie die Möglichkeit ein, dass der Laie die Leitung einer Gemeinde übernimmt?

Schulz: Nach dem Codex Juris Canonici (Anm. der Redaktion: dem Kirchlichen Gesetzbuch) can. 517 §2, ist es möglich, dass ein Laie vom Diözesanbischof zur Wahrnehmung von Seelsorgsaufgaben an der Leitung einer Pfarrei beteiligt wird, bei gleichzeitiger Bestimmung eines Priesters zur Ausübung und Leitung der (sakramentalen) Seelsorge. So das Kirchenrecht. Ob die Schweiz einen Sonderweg geht und die Gesamtverantwortung der Pfarreileitung einem Pastoralreferenten überträgt, weiß ich nicht. Im Erzbistum München und Freising gibt es die im zitierten Canon des CIC angedachte Notlösung. Sie entspringt aus der derzeit real-existierenden Priesternot, entlastet die alt- und krankgewordenen Priester und gewährt den Gemeinden die existentiellen Seelsorgsdienste. Weil Jesus der Herr jeder Gemeinde ist, muss man es einen unaufgebbaren theologischen Grund nennen, dass die sakramentale Leitungsvollmacht an das geweihte Priesteramt gebunden bleibt. Aber was die Kooperative Pastoral meint, so kann durchaus der Pastoralreferent die Verwaltungsaufgaben der Gemeinde wahrnehmen und erforderliche Unterschriftsbefugnisse wahrnehmen.

QED: Ich möchte kurz auf das Stichwort "Priestermangel" eingehen. Wie sehen Sie die Zukunft? Es wird viel von der Vergrößerung der Pfarreinheiten gesprochen. Die Tendenzen sind entgegengesetzt: Größere Gemeinden, größere Seelsorgseinheiten, aber weniger Seelsorger. Baut sich hier ein Spannungsbogen auf, der sich irgendwann nicht mehr halten lässt? Wo sehen Sie den Weg der Kirche, den Weg der Seelsorge?

Schulz: Nach allem, was wir vorangehend angedacht haben, ergibt sich die Antwort von selbst. Das Evangelium wurde immer nur durch das persönliche Zeugnis weitergegeben. Davon lebt die Botschaft: Glauben und Leben gilt es zu teilen. Wenn man sich das kostbare Dokument Paul VI. "Evangelii Nuntiandi" vor Augen hält, dann steht ausdrücklich, dass vor dem Mitteilen der Botschaft das Teilen des Lebensweges steht. Dann wird der Begleitete von sich aus fragen: Warum tust Du das? Du hast doch sonst nichts davon. Und die Antwort des Glaubensbegleiters lautet: Weil ich das von Jesus begriffen habe... Ohne jetzt die fünf Stufen der Lebensbegleitung hier ausführen zu können, wird doch klar: Wenn ich niemandem oder höchsten fallweise und selten einem Glaubensboten begegnen kann, dann fällt das zeugnishafte Christsein aus. Der Glaube in Familien und besonders bei den jungen Menschen verdunstet. Insofern ist der Einsatz der Gemeindereferenten und Pastoralreferenten in der Seelsorge geradezu zwingend. Ich sage bewusst, dass das persönliche Begegnen nicht ausfallen darf. Internetauftritte, Drucksachen, Bistumszeitungen - so ungeschmälert deren Bedeutung bleibt - ersetzen nicht das nahe Vorbild. Jenen Priestern, die mit immensem Einsatz die inzwischen groß gewordenen Pfarrverbände leiten müssen, gebührt fraglos aller Respekt. Aber deren physisch-psychische Belastbarkeit und spirituelle Strahlkraft hat Grenzen. Nicht nur die Gemeinden, auch die Priester brauchen die Gefährtenschaft der Gemeinde- und Pastoralreferenten.

QED: Was würden Sie heute jungen Theologen sagen, die zum großen Teil von der jetzigen Situation vor den Kopf geschlagen werden, und in denen - meine ich jedenfalls - eine große Unsicherheit gegenüber der Kirche erwächst, weil sie sich nicht erwünscht fühlen. Was kann ihnen heute Mut machen, nicht völlig zu resignieren oder sich gar gegen die Kirche zu wenden?

Schulz: Die Kirche hat während der zweitausendjährigen Wegstrecke viele "Auf und Ab" hinter sich gebracht. Ich selber bin zu einer Zeit groß geworden, in der in Deutschland eine heute kaum vorstellbare Not herrschte. Das Land lag vom Krieg dar nieder, Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten suchten Arbeit und neue Heimat, Unzählige waren ohne christliche Orientierung. Und dennoch gab es Aufbruch: wirtschaftlich, kirchlich! Was will ich damit sagen: Wir dürfen uns von der gegenwärtigen schwierigen Großwetterlage nicht anstecken lassen. Das Wissen, dass das Reich Gottes angebrochen ist und unter uns lebt, sollte uns vielmehr zu "geistlichen Seilschaften" zusammenfinden lassen. Darin bekommen wir Bestätigung und Ermutigung, dass das Evangelium sich in jeder Situation leben lässt.
Ich sehe in solchen "Oasen" Aufbruch und erinnere mich gern an den Ausspruch des großen deutschen Theologen Karl Rahner, der gesagt hat: "Auch im Winter wächst die Saat." Also: auf keinen Fall resignieren, auf keinen Fall der Kirche den Rücken kehren, sondern vielmehr "hinschauen auf das, was schon grünt" (Ps 23,2).
Die Menschen in- und außerhalb der Kirche warten auf das Lebens- und Glaubenszeugnis von begeisterten Christen, und wir sollten es als ein "nobile officium" ansehen, für das Reich Gottes gebraucht zu werden; ob wir dabei ehrenamtlich, weil das Geld fehlt, oder als Hauptamtliche den Dienst der Seelsorge versehen können, weiß ich nicht. Aber das Erfahrbarmachen eines stimmigen Glaubens hat die Menschen zu allen Zeiten überzeugt.

 

Das Interview führte Gabriele Merk

 

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Copyright by Q.E.D. 05.05.2004