Interreligiöser Dialog


 

EINFÜHRUNG IN DAS LOTOS-SUTRA


"Niemand kann den Fernen Osten verstehen ohne einige Kenntnis der Lehren des Lotos-Sutra, denn es ist die bedeutendste Schrift des Mahayaha-Buddhismus, der sich über den ganzen Fernen Osten zieht", schreibt Prof. Wing-tsit Chan in seinem Essay The Lotos Sutra (in Approaches to the Oriental Classics, hrsg. von Theodore de Bary, New York 1959, S. 153). So wurde das Lotos-Sutra auch die "Bibel Ostasiens" genannt.

Ich habe das Lotos-Sutra in mehrjähriger Arbeit aus dem chinesischen Text von 406 n. Chr. ins Deutsche übersetzt, und diese Übersetzung liegt nun in 3. Auflage bei Herder Spektrum (Nr. 5372) vor mit dem Titel: Lotos-Sutra. Das große Erleuchtungsbuch des Buddhismus (Herder, Freiburg i. Brsg. 2004). Der zentralasiatische buddhistische Mönch Kumarajiva (343 - 413 n. Chr.), dessen Vater Inder und dessen Mutter eine Prinzessin von Kucha war, hatte 406 n. Chr. das Lotos-Sutra aus dem Sanskrit in eine schöne chinesische Sprache übersetzt, und diese Übersetzung wurde in den buddhistischen Kreisen in China, Korea und Japan als gültiger Text angenommen. Auch im heutigen Japan wird dieser Text von vielen buddhistischen Schulen rezitiert.

Der volle Name des Lotos-Sutra lautet: "Sutra von der Lotosblume des wunderbaren Gesetzes" (in Sanskrit "Saddharma-pundarika-Sutra", in Chinesisch "Miao fa lien hua ching", in Japanisch "Myoho-renge-kyo"") . Es ist etwa im Zeitraum 200 vor bis 200 n. Chr. in Indien niedergeschrieben worden. Die genaue Abfassung des Lotos-Sutra ebenso wie dessen Verfasser (evtl. auch mehrere Verfasser) kennen wir nicht, wie dies bei vielen Sutren der Fall ist. Der japanische Gelehrte Hajime Nakamura meint, daß der Prototyp des Sutra im l. Jahrhundert n. Chr. abgefaßt wurde und das Werk am Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in der uns heute bekannten Form vorlag (Hajime Nakamura: Indian Buddhism. Tokyo' 1980, S. 186). Das Lotos-Sutra enthält Predigten Buddhas. Diese Predigten sollen nach buddhistischer Lehre direkt auf den historischen Buddha Sakyamuni, der von ca. 560 - 480 vor Chr. in Indien
gelebt haben soll, zurückgehen, mündlich tradiert und schließlich in der Zeit der Entwicklung des Mahayana (Großes Fahrzeug)-Buddhismus aufgeschrieben worden sein.

Die zentrale Gestalt im Lotos-Sutra ist Buddha Sakyamuni, Gautama Buddha, wie wir ihn meist nennen. Jedoch zeigt ihn das Sutra zugleich als übergeschichtliche, ja transzendente Gestalt. Dies verleiht dem Lotos-Sutra seine unvergleichliche Kostbarkeit und macht es zum Testament Buddha Sakyamunis. Aber sehen wir uns zunächst die äußere Form des Lotos-Sutra an:

Das Lotos-Sutra ist in 28 Kapitel eingeteilt, die in zwei Teile gegliedert sind: Shakumon (jap.) und Hommon (jap.), d.h. die Lehre von der irdischen Erscheinung Buddhas, die von Kap. I - XIV reicht, und die Lehre vom ursprünglichen (überirdischen) Wesen Buddhas, die von Kap. XV - XXVIII reicht. Diese Einteilung nahm T'ien-t'ai Ta Shih (6. Jh. n. Chr.) vor, einer der bedeutendsten buddhistischen Mönche in China.

Als die wichtigsten Kapitel des Lotos-Sutra wurden allgemein die Kapitel II "Geschicklichkeit" und XVI "Die Lebensdauer des Tathagata (Buddha)" angesehen. Im Kapitel II predigt Buddha Sakyamuni, daß alle Menschen ohne Ausnahme die Erleuchtung erlangen und Buddha werden können. Alle Menschen auf der Erde haben die Buddha-Natur, den Samen zum ewigen Leben, in sich. Damit ist die Klassengesellschaft des Hinduismus aufgehoben. Es zeigt sich die Nähe zum christlichen Glauben, der sagt, daß alle Menschen die Fähigkeit haben, Christen zu werden: "Anima naturaliter christiana". ,
In Kap. XVI "Die Lebensdauer des Tathagata (Buddha)" offenbart Buddha Sakyamuni, daß er nicht erst nach seinem Weggang vom väterlichen Palast in die Hauslosigkeit unter dem Feigenbaum die Erleuchtung erlangt habe und Buddha geworden sei, sondern schon "vor unermeßlich langer Zeit". Buddha Sakyamuni legt folgendermaßen sein innerstes Wesen offen: "Ihr guten Söhne, seitdem ich in Wahrheit Buddha geworden bin, sind unermeßliche, unbegrenzte Hunderte von Tausenden von Zehntausenden von Millionen von Weltzeitaltern vergangen." Buddha fährt fort: "Ihr guten Söhne! Der Tathagata sieht alle Lebewesen, die sich am Kleinen Gesetz freuen, die schwach sind an Tugend und deren Befleckung stark. Für diese Menschen predige ich: In meiner Jugend bin ich in den hauslosen Stand (Mönchsstand) eingetreten und habe die höchste vollkommene Erleuchtung erlangt. Aber in Wirklichkeit ist das Leben unermeßlich, unzählige Weltzeitalter: beständig bleibt es, nicht erlischt es. Ihr guten Söhne alle, das Leben, seit ich ursprünglich den Bodhisattvaweg ging und vollendete, ist heute noch nicht erschöpft." Buddha offenbart hier das Innerste seines Wesens, sein unvergängliches ewiges Leben, das aus unermeßlicher Vergangenheit kommt, die Gegenwart erfüllt und in unermeßliche Zukunft reicht. Graf Dürckheim vergleicht diese Aussagen Buddhas mit dem Satz von Christus: "Ehe denn Abraham ward, bin ich." Jeder Mensch ist nach Buddhas Meinung fähig, die Buddhanatur, den Samen des ewigen Lebens, in sich zu entfalten.

Um nochmals auf das Kapitel II "Geschicklichkeit" zurückzukommen: Dessen Lehre, daß alle Menschen Buddha werden können und Buddha Sakyamuni in Barmherzigkeit um ihre Erlösung bemüht ist, wird vertieft in den Gleichnissen von Kap. III und IV, den Gleichnissen vom "brennenden Haus" und vom "verlorenen Sohn". In beiden Gleichnissen tritt Buddha Sakyamuni als barmherziger Vater auf, der die lichtlos irrenden Lebewesen aus Leiden und Tod errettet. Prof. Hans-Joachim Klimkeit nennt die Kapitel III und IV des Lotos-Sutra den "locus classicus" für die Darstellung Buddhas als Vater. Klimkeit spricht in diesem Zusammenhang von einer "Personalisierung der Buddhalehre" (vgl. Hans-Joachim Klimkeit: "Buddha als Vater". In Fernöstliche Weisheit und christlicher Glaube (FS Heinrich Dumoulin) hrsg. von Hans Waldenfels und Thomas Immoos. Mainz 1985, S. 252 u. 239).

In Kap. III "Ein Gleichnis" rettet Buddha als weiser älterer Vater seine Kinder, die selbstvergessen in einem Haus spielen, das Feuer gefangen hat. Das brennende Haus ist Symbol für diese Welt der Leidenschaften, für diese Welt der drei Gifte, Haß, Gier und Unwissenheit. Der Vater verspricht jedem Kind einen schönen Wagen, der außerhalb des Hauses steht. Der Wagen ist das "Große Fahrzeug" (Mahayana) des Buddhismus. Von dem Versprechen angelockt, laufen die Kinder aus dem brennenden Haus - und sind gerettet.

Im Kap. IV "Erkenntnis durch den Glauben" schildern vier Jünger Buddhas das Gleichnis vom "barmherzigen Vater" bzw. vom "verlorenen Sohn". Viele hat es erstaunt, daß das Lotos-Sutra auch ein Gleichnis vom "verlorenen Sohn" enthält. Und in der Tat erinnert es an das berühmte Gleichnis im Lukas-Evangelium (Lk 15,11-32). Es wird auch nach einer Untersuchung von Heinz Kruse die Meinung vertreten, daß das Gleichnis im Lotos-Su'tra vom Gleichnis der Bibel beeinflußt sei (Heinz Kruse: "The Return of the Prodigal. Fortunes
of a Parable on its Way to the Far East". In: Orientalia NS 47 (1978), Pontificium Institutum Biblicum, Rom S. 163-214). Prof. Heinrich Dumoulin spricht dagegen von einem "kulturübergreifenden Erzählmotiv". Sehen wir uns das Gleichnis im Lotos-Sutra an:

Ein Sohn, jung an Jahren, verläßt seinen Vater und lebt lange, fast fünfzig Jahre, in der Fremde, wo er immer mehr in Not gerät. Auf seinen Wanderungen kommt er in sein Heimatland. Der Vater lebt inzwischen in einer anderen Stadt und ist sehr reich. Er besitzt mit Juwelen gefüllte Schatzhäuser, er hat viele Diener und Knechte und riesige Herden. Ungestillt ist aber die Sehnsucht nach seinem Sohn. Der Vater ist alt und sehnt sich nach seinem Erben. Hat die Sehnsucht des Vaters den Sohn zurückgeführt? Als der arme Sohn zufällig zum Haus des Vaters kommt, erkennt dieser ihn sofort, doch der Sohn erkennt nicht den Vater, der von unermeßlichem Reichtum umgeben ist. Ein unendlicher Abstand trennt sie beide. In Angst eilt der Sohn, der den Vater nicht erkennt, hinweg. Der Vater schickt ihm Boten nach, um ihn zurückzuholen. Doch diese erreichen nichts. Aus Angst, in Gefangenschaft zu geraten, fällt der Sohn in Ohnmacht. Da befiehlt der Vater, den Sohn freizulassen, und denkt sich ein "geschicktes Mittel" aus, um den Sohn für sich zu gewinnen. Er paßt sich ganz der Situation des Sohnes an und schickt armselige Menschen zu ihm, die ihn anheuern sollen, Schmutz beiseite zu räumen. Darauf geht der Sohn ein. Dies ist der erste Schritt des Vaters, den Sohn zu sich zu führen, und der erste Schritt des Sohnes zum Vater. Als der Vater den Sohn in seiner Elendsgestalt arbeiten sieht, nimmt der Vater voll Erbarmen selbst "Knechtsgestalt" (vgl. hierzu die Aussage bei Paulus im Philipper-Brief des Neuen Testaments, Phil 2,7) an, um sich dem Sohn zu nähern und sein Vertrauen zu gewinnen. "Er nimmt seine Perlenketten, sein weiches Obergewand, alle Schmuckgegenstände ab und zieht sich ein grobes, zerrissenes und schmutziges Gewand an, beschmiert sich mit Staub, nimmt in die rechte Hand eine Kehrrichtschaufel und zeigt sich etwas furchtsam" (Lotos-Sutra, Herder Spektrum, S.127). So bespricht er mit dem Sohn, daß jener für immer dableiben soll und er selbst ihn wie einen Sohn halten will. Allmählich wächst das Vertrauen des Sohnes zum Vater, aber 20 Jahre räumt er noch Schmutz beiseite. Als der Vater krank wird, läßt er den Sohn seine Schatzhäuser kennenlernen; denn wie er sagt, "es gibt nun keinen Rangunterschied mehr zwischen dir und mir". Als der Vater seinen Tod nahen fühlt, eröffnet er den Verwandten, dem König, den Ministern, Kriegern und Bürgern: "Dieser hier ist mein Sohn, den ich gezeugt habe ... Jetzt gehören alle Besitztümer, die ich habe, meinem Sohn". Der Sohn ist darüber hocherfreut und preist den Besitz des Schatzes am Ende als sein Glück, als den Inbegriff seiner Sohnschaft.

 

 

 

 

Während sich im Gleichnis der Bibel der Sohn in der Not an den Vater erinnert und reumütig zu ihm zurückkehrt, erkennt im Lotos-Sutra der arme Sohn den reichen Vater nicht mehr, wohl aber der Vater den Sohn. Beim Sohn ist es wie bei vielen Menschen heutzutage, die von ihrem überirdischen Ursprung nichts mehr wissen. Im "verlorenen Sohn" des Lotos-Sutra ist das Bild vom Vater durch die langen Jahre der Entbehrung verschüttet. Der Vater, hier Buddha Sakyamuni, hat Sehnsucht nach seinem Sohn, er sucht sein Bild im Sohn wiederzuerwecken. Der Sohn steht stellvertretend für die Menschheit. Buddha Sakyamuni sucht sein Bild in uns Menschen, er sucht sein Buddha-Bild in uns lichtlos irrenden Lebewesen. Durch viele Jahre hindurch baut Buddha Sakyamuni mit Hilfe seines pädagogischen "geschickten Mittels" der Annäherung an den Sohn durch Erniedrigung seiner selbst und mit unendlicher Geduld (sanskrit ksanti) sein Vaterbild im Sohn wieder auf, bis es in diesem am Ende des Lebens des Vaters in vollem Glänze aufleuchtet und es keinen Rangunterschied mehr zwischen ihnen gibt. Der Sohn ist sich nun seiner Sohnschaft voll bewußt. Er ist Erbe der Schatzkammer der Allweisheit Buddhas (skt. prajna), die die intuitive Vollerkenntnis des Weltgeheimnisses, die Erleuchtung, in sich birgt, wie sie im Kap. XVI des Lotos-Sutra geoffenbart ist (vgl. Borsig: "Das Buddhabild des Lotos-Sutra" in "Wer ist Buddha? Eine Gestalt und ihre Bedeutung für die Menschheit", hrsg. Perry Schmidt-Leukel, München 1998, S. 78 ff.).

Zum Schluß möchte ich darauf hinweisen, daß die Lotosblüte das Symbol für das ganze Lotos-Sutra und für die Religion des Buddhismus überhaupt ist. Die Lotosblume (jap. renge) sieht der Buddhismus und speziell auch der japanische buddhistische Mönch Nichiren Shohin (Sonnenlotos, 1222-1282 n. Chr.) als Symbol der Reinheit in der schmutzigen Welt, als Symbol des Nirwanas (der überirdischen Welt) im Samsara (der irdischen Welt). Die Lotosblume wächst im Morast, aber die Blüte erhebt sich auf einem schlanken und hohen Stengel leuchtend weiß und unberührt vom Morast. Der Malermönch Sengai dichtete: "Wie sumpfig auch das Wasser ist, der Lotos behält seine Reinheit. Ja, er blüht so herrlich, gerade weil er aus dem Sumpf wächst". Die Lotosblume mit ihrer schneeweißen Blüte, die sich der Sonne entgegenstreckt, ist das Symbol himmlischen und wahren Lebens. Sie ist Symbol für den Menschen, dessen Leben nach Vergehen durch die Segenskraft des Lotos-Sutra wieder neu aufspringt (vgl. Lotos-Sutra, Kap. XII "Devadatta"), sie ist Symbol für den Menschen, der die Buddhanatur in sich verwirklicht hat und doch in der schmutzigen Welt, im Samsara lebt. Die Lotosblume ist Symbol für den "Buddha-Menschen", der zwar in dieser Welt lebt, aber nicht von dieser Welt ist (vgl. Borsig "Über die Grundlagen von Einheit im Buddhismus" in "Leben, Glauben, Denken", hrsg. Rudy Sturmer, Bozen 2003, S. 51/52).

Viele buddhistische Gruppen rezitieren im heutigen Japan das Lotos-Sutra, die sich alle auf den Mönch Nichiren Shohin (Sonnenlotos, 1222-1282 n. Chr.) zurückführen, der das Lotos-Sutra als Grundlage seiner Lehre, seine "Bibel", ansah. Die Gruppen sind die Nichirenshu, die Nichirenshoshu, die Sokagakkai (Wertschaffende Gesellschaft) und die Rissho-kosei-kai (Gesellschaft zur Errichtung des wahren Glaubens und für Mitmenschlichkeit). Die Anhänger der letzteren Gruppe pflegen bereits seit dem II. Vatikanischen Konzil Kontakte zum Vatikan in Rom. Sie tragen bei Festlichkeiten eine weiße Schärpe über dem schwarzen Anzug mit der Aufschrift: "Namu myoho-renge-kyo", d.h. "Preis dem Sutra von der Lotosblume des wunderbaren Gesetzes", also "Preis dem Lotos-Sutra". Die Vertreter der Rissho-kosei-kai nahmen an den Gebetstreffen in Assisi 1986 und 2002 teil, die unser verstorbener Hl. Vater, Papst Johannes Paul II., initiiert hatte, auch an seinem Requiem 2005 und auch an der Einführung unseres neuen Papstes Benedikt XVI. am 24. April 2005 in Rom.

Margareta von Borsig

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Margareta von Borsig promovierte nach dem Studium der Altphilologie, Japanologie, Sinologie, Philosophie und Theologie 1974 mit ihrer Dissertation Leben aus der Lotosblüte. Nichiren Shonin. Zu ihren Veröffentlichungen gehören ihre Übersetzung des Lotos-Sutras und Unter dem Lächeln Buddhas. Märchen aus Indien und Japan.

 

 

 

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