Theologie und Glaube - Apostolicum XVII


 


Die Vergebung der Sünden

 

Wir glauben an die Vergebung der Sünden. Mit diesem Bekenntnis nähern wir uns dem Ende des Apostolikums. Es folgen nur noch die Auferstehung der Toten und das ewige Leben, die beide eng mit der Vergebung zusammen hängen.

Um die Größe dieser Hoffnung zu verstehen, muss man - auch wenn es nicht ganz dem Zeitgeist entsprechen mag - die Sünde des Menschen erst nehmen. Das Leben des Menschen ist von Sünde geprägt. Jeder tut viel, was nicht gut ist. Kein Mensch hat ein Verhältnis zu Gott, das wirklich ganz in Ordnung ist. Die einzige Ausnahme ist Christus. In der Welt als ganzer ist die Präsenz der Sünde ersichtlich. Sie ist von Gier und Hass verunstaltet. Hunger, Kriege, Verbrechen, Elend und Not hängen damit zusammen. Jeder Mensch wird immer wieder mit der eigenen Sünde - und auch mit der der anderen - konfrontiert. Und so sehr wir uns auch anstrengen, wir bekommen dieses Problem selbst nicht in den Griff. Ich denke, jeder hat sich schon vorgenommen, etwas nicht mehr zu tun, und ist dabei gescheitert. Das entspricht genau der Situation des Menschen.

Die Welt kennt nun vor allem eine Antwort auf die schlechten Taten der Menschen: Strafe und Vergeltung. Wenn jemand etwas Böses tut, muss er bestraft werden. Er, der dem anderen Leid zugefügt hat, muss selbst leiden. Und wenn einem etwas angetan wird, dann revanchiert man sich eben. Diese Antwort der Welt ist in gewisser Weise verständlich. Sie hat sogar ihr Gutes, weil die Angst vor Strafe sicher auch vielen geholfen hat, etwas Schlechtes nicht zu tun. Vielleicht hätte ja doch manch einer versucht, seine Geldsorgen mit einem Banküberfall zu beheben, wenn ihm nicht die fünf Jahre Mindeststrafe zu viel gewesen wären. Und manch einer würde sich noch weniger bemühen, zu seinen Mitmenschen freundlich zu sein, wenn er nicht wüsste, dass die meisten Unfreundlichkeiten wieder zurückkommen. In diesem Sinne ist der Wunsch der Menschen nach Strafe und Vergeltung manchmal eine Hilfe. Aber dass er keine Lösung des Problems ist, zeigen die letzten Jahrtausende. Dieses Mittel wird seit Jahrtausenden angewandt. Es konnte vielleicht Auswüchse verhindern, aber das Grundproblem hat es sicher nicht gelöst.

Im Credo bekennen wir die Lösung, die Gott anbietet: Die Vergebung der Sünden. Er will nicht vergelten, sondern vergeben. Er ist bereit, uns anzunehmen und unsere Sünden abzuhaken. Das ist ein großartiges, Hoffnung machendes Angebot. Er sagt nicht, ihr müsst irgendwie diese Sünden alle abbüßen, Gott bietet seine Vergebung an. Und es gehört zu der Größe des Angebots Gottes, dass er selbst nicht davon profitiert. Er ist ohne Sünde, ihm muss nicht vergeben werden. Wir werden mit der Vergebung beschenkt, er ist der, der nur schenkt. Ja, er ist sogar der, der in Christus am Kreuz die Folgen der Sünde selbst auf sich nimmt.

Nun darf man die Vergebung der Sünden aber nicht als Einladung zur weiteren Sünde missverstehen. Schon Paulus musste in seinen Gemeinden die Haltung bekämpfen: Umso mehr wir sündigen, umso mehr kann Gott uns vergeben. Das ist nicht gemeint. Gerade in den Evangelien wird das Angebot der Vergebung mit der Aufforderung zur Umkehr verbunden. Wir müssen den anderen mit Liebe begegnen, nicht mit Hass, wir müssen uns auf Gott und seinen Willen einlassen. Wir dürfen uns ihm nicht verschließen. Wir müssen und dürfen bewusst als Kinder des himmlischen Vaters und damit als Brüder und Schwestern leben. Dazu müssen wir viel Falsches aufgeben, unser Leben ändern, Gier, Hass und Selbstsucht daraus verschwinden lassen. Diese Aufgabe bleibt, aber sie wird dadurch erst möglich, dass Gott nicht auf die Liste unserer vielen Sünden schaut, sondern immer wieder bereit ist, diese auszulöschen. Er erkennt unser Bemühen an. Er macht es durch seine Hilfe erst möglich. Er weist uns nicht ab, obwohl wir unterwegs immer wieder fallen. Ja, er hilft uns auf. Aber er verlangt von uns, dass wir nach jedem Sturz versuchen, wieder aufzustehen. In der Sünde liegen zu bleiben, das kann er uns nicht erlauben; denn das würde bedeuten, uns für immer der Sünde zu überlassen. Auch wenn es manchmal schwer ist, Hass zu überwinden, der ja durchaus verständliche Gründe haben kann, wäre es wirklich erstrebenswert, für immer hassen zu dürfen. Oder wäre das nicht die schlimmste Strafe?

 


 

 

 

Eine zweite Herausforderung kommt hinzu: Gott vergibt uns, aber wir müssen auch vergeben. Gerade im Vater Unser wird dieser Zusammenhang immer wieder klar ausgedrückt: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Es kann nicht angehen, dass Gott einem Menschen vergibt und wir diesen weiter in unserem Zorn verfolgen. Dann nämlich sind wir das Problem. Nun ist diese Pflicht zur Vergebung eine echte Herausforderung. Es gibt viele Kleinigkeiten, die leicht vergeben werden können. Das eine oder andere im Stress gesagte böse Wort lässt sich ganz gut vergeben. Oder die eine oder andere kleine Nachlässigkeit. Das geht, obwohl selbst solche Kleinigkeiten zu einer tiefen und erbitterten Feindschaft führen können. Aber wenn ein Mensch einem anderen etwas wirklich Schlimmes antut, dann muss die Vergebung sehr schwer sein, ja geradezu übermenschlich. Und doch gibt es dazu keine Alternative.

Nun gilt es aber auch, Missverständnisse zu vermeiden. Die christliche Pflicht zur Vergebung bedeutet nicht, die Menschen einfach Böses tun zu lassen. Wenn ein Mensch einem anderen Schaden zufügt, muss man eingreifen. Der Einsatz gegen Unrecht und die Vergebung sind keine Widersprüche. Jemanden davon abzuhalten, etwas Böses zu tun, ist für diesen sogar eine Hilfe, weil es ihn daran hindert, sich immer noch tiefer ins Böse zu verstricken. Und wer sich davon abhalten lässt, der tut einem anderen eben auf eine bestimmte Weise kein Leid an. Und damit gibt er auch keinen Anlass, den Hass in der Welt noch weiter zu vertiefen. Aber auch wenn der Christ gegen Unrecht ankämpfen darf und muss, so muss doch das Ziel immer die Versöhnung sein. Die Bereitschaft gehört immer zum Christsein.

Nun könnte man sagen, Gott tut sich leicht, Vergebung zu fordern. Ihm wird ja nichts getan. Doch ist das richtig? Er hat Menschen geschaffen: jeden von uns. Und wie verhalten wir uns, ganz anders als er es will. Und doch, er nimmt uns immer wieder neu an. Würden wir das auch tun? Und in Christus hat Gott die Folgen des menschlichen Handelns wirklich selbst erlebt. Er kam in die Welt, um sie zu retten und was war das Ergebnis? Er wurde verraten, gegeißelt und gekreuzigt. Er wurde auf die schlimmste damals übliche Weise hingerichtet. Er hat selbst erlebt, wozu der Mensch fähig ist, wozu die Sünde im Ergebnis führt. Und er hat für diejenigen um Vergebung gebeten. Damit ist er unser großes Vorbild.

Die Vergebung ist sowohl die große Zusage Gottes an den Menschen als auch die größte Herausforderung an den Menschen. Wir dürfen darauf bauen, dass Gott immer wieder bereit ist, uns zu vergeben. Und wir müssen zugleich versuchen, immer wieder selbst unseren Mitmenschen zu vergeben. Beides gehört zusammen. Beides gehört zum Christsein.

 

Thomas Gerold

 

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