Theologie und Glaube - Apostolicum VIII


 


Gelitten unter Pontius Pilatus

 

 

Dieser kurze Abschnitt des Glaubensbekenntnisses enthält zwei zentrale Aussagen. Beginnen wir zunächst mit der unauffälligen und oft übersehenen Feststellung: Unter Pontius Pilatus. Mit der Nennung dieses Namens betreten wir das Feld der Historie, wie es in den Geschichtsbüchern vorkommt. Das Leiden geschah unter diesem, ansonsten nicht sonderlich bedeutenden, römischen Statthalter. Mit "gelitten unter Pontius Pilatus" bekennen wir das Leiden des Sohnes Gottes als Leiden in unserer Geschichte. Genau zu der Zeit, als Pilatus Statthalter war, hat er gelitten. Auf Anordnung genau dieser historischen Person. Sein Leiden war wirklich. Es ist kein Märchen, das - man denke nur an das "Es war einmal" - keine Verbindung zu unserer Zeit hat.

Die zweite bzw. eigentlich erste Aussage steckt in dem Wort "gelitten". Der menschgewordene Sohn Gottes, der Christus, also der Gesalbte und damit der König, hat gelitten. Im Zusammenhang mit seiner Geburt war es schon ungewöhnlich, dass er als kleines Kind zur Welt kam, statt als machtvoller himmlischer König die Welt mit Heerscharen von Engeln zu erobern. Jetzt erleben wir eine Steigerung. Er ist nicht nur ein schwacher Mensch er leidet auch noch. Und wie er leidet. Er stößt an die Grenzen seiner Kraft. Wir lesen in den Evangelien von der Szene am Ölberg. Dort wacht Christus allein, während die Jünger schlafen. Er, den wir als Sohn Gottes kennengelernt haben, bittet und fleht darum, dass ihm das Kreuz, das der Vater für ihn bestimmt hat, erspart bleiben möge. Er, der aus der göttlichen Herrlichkeit kommt, fleht den Vater an. Er will nicht gekreuzigt werden. Er bittet, doch der Vater nimmt den Kelch nicht von ihm. Hier geht es Christus so, wie es auch uns geht. Wir bitten darum, verschont zu werden, und werden es trotzdem nicht. So geht es auch ihm. Seine Gebete werden zwar gehört, der Vater stärkt ihn, aber seine Bitte wird nicht erhört. Der bittere Kelch kommt trotz allen Flehens.

Dann wird Jesus verraten. Vielleicht gehört das zum Schlimmsten dessen, was ihm widerfahren ist. Der Freund, einer der engsten Anhänger, liefert ihn aus. Stellen wir uns einmal vor, uns würde einer der engsten Freunde an die ausliefern, die uns grausam töten wollen. Ich denke, das würde auch uns zutiefst treffen. Von einem Fremden gejagt zu werden ist schlimm genug. Aber von einem engen Freund? Das gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Das nimmt Christus hier auf sich. Die anderen Jünger, also die anderen Freunde, fliehen. Sie sind - wie wir gerade an Petrus, der ihn mehrfach in einer Nacht verleugnet, sehen können - an ihrer eigenen Haut weit mehr interessiert als an Jesus.

 


 

 

 

Nach seiner Gefangennahme wird Jesus zunächst von den Priestern und Schriftgelehrten, den religiösen Autoritäten verhört und verurteilt. Dann wird er zur Besatzungsmacht, zu Pontius Pilatus gebracht. Dort fordert man seinen Tod. Pilatus tut das, ohne das er heute vergessen wäre. Er verurteilt Jesus zur Kreuzigung. Jesus muss sein Todesurteil anhören. Er, der Richter der Welt, wird zum Tode verurteilt.

Jesus wird verhöhnt und gequält. Er wird mit Dornen gekrönt. Es wird ihm ein roter Mantel angelegt. Er wird verspottet, verspottet mit angeblichen Huldigungen. Er, der wahre König, der Erlöser wird so verspottet. Spott gehört zu den schärfsten Waffen der Menschen. In Würde zur Hinrichtung zu gehen mag schlimm genug sein. Aber wenigstens bleibt einem diese Würde. Die wenigstens kann einen aufrechterhalten. Doch in der schwersten Stunde verspottet zu werden? Zum Spott kommen die körperlichen Qualen. So die Geißelung. Die Schläge, die die Haut vom Körper reißen und die das Blut fließen lassen. Es ist schwer, sich dieses Leiden vorzustellen. Und noch schwerer, sich vorzustellen, dass es Menschen gibt - und zwar alle Zeiten hindurch bis heute -, die Menschen solches Leid zufügen.

Dann, nach Geißel und Spott, muss er das Kreuz zur Hinrichtungsstätte tragen. Doch es ist zu schwer. Er kann es allein nicht tragen, er muss sich helfen lassen. Der starke Christus, der Sohn Gottes ist zu schwach, um seine Last zu tragen. Wenn wir daran denken, dann können wir auf die Schwäche der Menschen, die begrenzte Kraft, nicht mehr herabschauen. Christus ging es genauso. Sein Körper war so schwach wie der unsere. Am Boden lag Gottes Sohn. Und all das, war erst der Anfang seines Leidenswegs.

Wir bekennen den leidenden Christus. In diesem Leiden setzt sich seine Menschwerdung weiter fort. Er macht all das durch, was wir Menschen durchmachen müssen. Mehr als was die meisten von uns erleiden müssen. Damit ist alles Leiden nicht nur unsere Schwäche. Im Leid, im Verspottet-werden, sind wir so wie Christus, unser Herr.

 

Thomas Gerold

 

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