Theologie und Glaube - Apostolicum IX


 

 

Gekreuzigt, gestorben und begraben

 

Jesu Verspottung und Geißelung war schon schlimm genug. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Christus wurde gekreuzigt. Das war im römischen Reich die schwerste Strafe. Die Römer hatten ausdrücklich die Kreuzigung römischer Bürger untersagt. So schien dem Reich diese Strafe für seine Bürger als zu erniedrigend. Sie war nur für die Nichtrömer erlaubt. Es war ein langsamer und grausamer Tod. Ein Tod, der sich über Tage erstrecken konnte. Außerdem war der Tod am Kreuz ein entehrender Tod. Im Judentum galt der Gekreuzigte als der von Gott Verfluchte. Damit scheint das Kreuz der Ort zu sein, an dem man sich den Sohn Gottes, den wahren König am wenigsten vorstellen kann. Und doch hat sich Jesus kreuzigen lassen. Das ganze Paradox des Königs am Kreuz wird in den Passionsberichten in den Evangelien deutlich. Christus hängt am Kreuz. Auf der Tafel über ihm steht: Der König der Juden. Womit der Spötter unwissend die Wahrheit verkündete.

Die Kreuzigung gehört zu den am wenigsten bezweifelten Überlieferungen über Jesus. Sie findet sich nicht nur in den Evangelien. Sie findet sich darüber hinaus bei Paulus. Sie findet sich nahezu überall, wo in den antiken Quellen über das Christentum berichtet wird. Mag sein, dass oft genug in der Geschichte schon glorreiche Heldentode erfunden wurden. Aber eine Kreuzigung erfindet man nicht - diese ist grausame Realität.

Nicht umsonst hat die Kreuzigung Jesu so einen großen Stellenwert im Christentum. Kann man sich eine tiefere Herabsetzung des Sohnes Gottes vorstellen? Mit dem Kreuz nimmt Christus das menschliche Leid wirklich auf sich. Grausamer kann das Leben nicht werden, als am Kreuz zu hängen. Er lässt es zu, dass die Mitmenschen ihm das antun. Diesmal ist es nicht ein Mensch von vielen, der der menschlichen Bosheit zum Opfer fällt. Es ist der Sohn Gottes, von dem es im Johannesevangelium heißt, dass durch ihn alles geschaffen wurde. Die Geschöpfe durchbohren also ihn, durch den sie geschaffen wurden. Unglaublich! Und doch geschah es tatsächlich vor fast zweitausend Jahren auf Golgotha.

Wir bekennen nicht nur die Kreuzigung. Wir bekennen ausdrücklich, dass Jesus gestorben ist. Es war kein Scheintod, wie heute noch gelegentlich behauptet wird. Er ist wirklich gestorben. Der Sohn Gottes, gekommen, um die Menschen zu erlösen, ist gestorben. Es fällt schwer, sich den Tod von jemandem vorzustellen, der nicht nur ganzer Mensch, sondern auch ganz Gott ist. Er muss seine göttliche Macht aufgegeben haben, er muss sie ganz dem Vater zurückgegeben haben. Damit muss er so hilflos, so ohnmächtig gewesen sein, wie wir es sind, wenn wir sterben. Nur mit dem Unterschied, dass wir nie eine vergleichbare Macht und Herrlichkeit kennen gelernt haben, wie sie Christus von Anfang an als Sohn des Vaters hatte. Diese Aufgabe seiner Macht hat schon mit seiner Menschwerdung begonnen. Aber der Tod am Kreuz ist ein noch weiter gehender Schritt. Ein Schritt, der kaum noch zu steigern ist.

 


 

 

 

Der Tod Christi am Kreuz steht in engster Beziehung auf uns Christen. Schon Paulus sagt, dass wir mit Christus sterben. Wir sterben - auf nicht ganz erklärbare Weise - mit Christus. Mit dem Sohn Gottes hängen auch wir am Kreuz. Sein Tod hat uns erlöst. Er ist für uns gestorben, um uns zu retten. Deshalb bekennen wir so ausdrücklich seine Kreuzigung und seinen Tod. Sie haben alles verändert. Sie haben die große Rettung möglich gemacht.

Wir bekennen darüber hinaus, dass Christus begraben wurde. In den Evangelien ist uns der Name des Joseph von Arimathäa, eines vornehmen jüdischen Ratsherrn überliefert, der Pilatus um den Leichnam bat und ihn bestattete. Bei Johannes wird neben Joseph auch Nikodemus, ebenfalls ein Ratsherr, genannt. Es waren also vornehme Juden, die Jesus bestatteten. Die damalige jüdische Oberschicht bestand nicht nur aus denen, die im Hohen Rat die Kreuzigung forderten. Zu ihr gehörten auch die, die sich des Toten erbarmten und ihn würdig begruben. Eine Tat, die Hochachtung verdient, weil sie einem Toten galt. Von einem Gekreuzigten konnte man keine Gegenleistung mehr erwarten. Da gab es kein politisches Kalkül, kein Hoffen auf einen potentiellen Bündnispartner mehr. Der Grund für diese Tat muss Achtung oder gar Liebe für Jesus gewesen sein.

Das Begräbnis Jesu ruft das Bild des Weizenkorns auf. Es muss in die Erde gesät werden, damit es wachsen kann. Damit es Frucht bringen kann. Dieses Bild ist für uns besonders naheliegend, weil wir heute die Toten nicht in Felsengräbern, sondern in der Erde bestatten. Aber auch so passt es auf Christus. Der tote Jesus wurde begraben. Das ist meist das Letzte, was wir vom Leben eines Menschen hören. Doch Jesu Begräbnis erinnert an die Aussaat. Er wurde ins Grab gelegt. Wartend auf die Auferstehung. Eine Auferstehung, an die, als er im Grab lag, noch niemand dachte.

Thomas Gerold

 

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