Theologie und Glaube - Apostolicum XV


 

 

Die Heilige Katholische (Christliche) Kirche

 

Im Glaubensbekenntnis bekennen wir uns zur heiligen und katholischen (bzw. in der evangelischen Fassung christlichen) Kirche. Nun stellt sich das Problem, dass das Wort "katholisch" heute nicht hundertprozentig genauso verwendet wird wie in den ersten Jahrhunderten der Christenheit, aus denen unser Bekenntnis stammt. Heute wird "katholisch" zunächst als Bezeichnung einer Konfession verstanden, oft als ein Name ohne besondere Bedeutung. Ähnlich wie beim Namen Müller heute auch niemand mehr daran denkt, dass der Name eine Bedeutung hat. Dieses Verständnis hat sich in einer ganz bestimmten Situation herausgebildet, nämlich im Auseinanderbrechen der Christenheit in verschiedene Konfessionen. Mit diesen Strömungen wird oft - nicht nur bei "katholisch" - ein Begriff verbunden, der von der eigentlichen Bedeutung her keine reine Konfessionsbezeichnung ist. Ein Beispiel sind die Orthodoxen, die sind wörtlich übersetzt die "Rechtgläubigen". Zu denen zu gehören, würden wohl Christen aller Konfessionen beanspruchen. Oder die "Evangelischen". "Evangelisch" im Sinne von auf das Evangelium aufbauend zu sein, würden wiederum alle Christen beanspruchen. Und genauso verhält es sich wiederum auch mit "katholisch". Hiermit ist die allumfassende Kirche gemeint. Die eine Kirche Jesu Christi. Die Gemeinschaft derjenigen, die zu Christus gehören, die an ihn glauben und auf ihn getauft sind.

Nur wer gehört genau und in welcher Weise zu dieser Kirche? Genau das ist zwischen den Konfessionen umstritten. Die wohl eindeutigste Position hierzu hat die römisch-katholische Kirche. Sie hat im Grunde genommen den Anspruch, selbst die Kirche Jesu Christi zu sein. Sie beansprucht, direkt von Christus gegründet zu sein, mit dem Papst als Nachfolger des Apostels Petri an der Spitze. In der Vergangenheit wurden von ihr meist die anderen Christen als einzelne Abgefallene bzw. die Gemeinschaften als Sekten angesehen. Diese Sicht hat sich mit dem zweiten Vatikanischen Konzil geändert. Die Grundposition ist gleich geblieben, nämlich dass die Kirche Jesu Christi in dieser Kirche ganz verwirklicht ist, dass ihr also nichts fehlt, um voll und ganz Kirche zu sein. Aber im Ökumenismusdekret des II. Vatikanums - das ist seitdem die offizielle kirchliche Position - wird zumindest anerkannt, dass bestimmte Elemente der Kirche Jesu Christi auch in den anderen Konfessionen verwirklicht sind. Die neue Position ist also im Grunde genommen die, dass die Katholiken ganz zur Kirche Jesu Christi gehören, aber dass die anderen Christen in gewisser Weise auch dazugehören, wenn auch nicht in perfekter Weise.

Die protestantische Auffassung identifziert dagegen die eine "katholische" bzw. "allgemeine" Kirche, wie es in der überwiegend im deutschen Protestantismus verwendeten heutigen Fassung des Credos heißt, nicht mit einer bestimmten einzelnen Konfession. Nach der protestantischen Auffassung kann man nicht einfach an der Konfessionszugehörigkeit erkennen, wer zu dieser einen Kirche gehört und wer nicht. Es ist die Gemeinschaft derer, die wirklich zu Christus gehören, ganz gleich ob sie nun nach unserem Sprachgebrauch Katholiken oder Protestanten sind. Hier ist aber anzumerken, dass es zumindest in der Vergangenheit durchaus auch Strömungen gab - und bis heute gibt -, die keinesfalls Katholiken zu dieser einen Kirche Jesu Christi zählen würden. Aber in dieser Beziehung hat sich im protestantischen Bereich zumindest ähnlich viel getan wie im katholischen - im Sinne von römisch-katholisch - auch.

Insgesamt hat sich gerade im 20. Jahrhundert das Kirchenverständnis der Konfessionen zumindest insofern angenähert, als Protestanten und Katholiken sowohl sich gegenseitig als auch die Christen der weiteren Konfessionen in irgendeiner Form zur Kirche Jesu Christi rechnen. Nicht immer gleichberechtigt, aber immerhin. So ist ein Anfang gemacht. So führt der Wandel der Einstellungen zu ökumenischer Zusammenarbeit, durch die sich die verschiedenen Konfessionen einander wiederum näher gekommen sind. Dies sind die Früchte einer Entwicklung, die sich erst im 20. Jahrhundert deutlich abzeichnete. Vor diesem neuen Hintergrund können die konfessionellen Auseinandersetzungen vergangener Jahrhunderte, die so viele Leben gekostet haben, und bei denen auf beiden Seiten oft Menschen mit besten Absichten beteiligt waren, nur tragisch erscheinen. So wird aber auch offenbar, wie weit heute trotz aller Probleme die Fortschritte auf dem Weg zur Einheit schon gediehen sind.

 


 

 

Was bedeutet es nun für den einzelnen Christen, an die Kirche zu glauben? Die erste große Bedeutung, die wohl von den Christen fast aller Konfessionen akzeptiert wird, ist der Verweis auf die Gemeinschaft. Christsein bedeutet nicht, für sich allein glauben. Christsein ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Man ist mit den anderen Christen verbunden und ist aufeinander bezogen. Dazu gehört auch, zusammenzukommen. Dazu gehört gemeinsames Gebet, der gemeinsame Gottesdienst und die gegenseitige Hilfe. Ohne die gäbe es heute auch keinen einzigen Christen, denn wenn die heutige nicht von früheren Generationen vom Glauben erfahren hätte, dann würden wir noch nicht einmal von der Existenz Jesu Christi wissen. Vor diesem Hintergrund ist das Bekenntnis zur Kirche ein Bekenntnis zur Gemeinschaft der Gläubigen. Das bedeutet, diese Zugehörigkeit annehmen und sich einbringen. Gerade auch letzteres gehört zum Christentum, das keine reine "Konsumentenreligion" ist, sondern Mitarbeit verlangt - die ganze Person.

Noch eine Bemerkung zum Attribut "heilig", das möglicherweise vielen mehr Schwierigkeiten macht als "katholisch". Gerade von denen, die viele Christen kennen, mag so mancher fragen, wie die Gemeinschaft der Christen heilig sein könnte. "Heilig" im Sinne von moralischer Perfektion sind die Christen sicher nicht. "Heilig" meint aber zunächst das, was zu Gott gehört. In diesem Sinne ist die Kirche heilig. Gott ist eigentlicher Herr der Kirche, Christus selbst ist ihr Haupt. Die Menschen gehören zu ihr, aber sie gehört den Menschen nicht wie etwas, das ganz alleine ihres wäre. Das ist die Überzeugung der Christen, auch wenn es bei diversen innerchristlichen Auseinandersetzungen und auch bei Auseinandersetzungen innerhalb einer Konfession oft allen Beteiligten sehr schwer fällt, dies ernst zu nehmen und sich eben niemals in ihrem Besitz zu meinen. Diese menschlichen Schwächen ändern aber nichts an der Zugehörigkeit der Kirche zu Gott.

Nun gehört nicht nur die ganze Gemeinschaft der Christen Gott, sondern auch jeder einzelne davon. Jeder Christ ist in diesem Sinne heilig. Das mag als Anmaßung erscheinen. Aber es ist die Realität. Ganz Gott zu gehören, heilig zu sein, das ist die Bestimmung jedes Christen. Es mag einem unmöglich vorkommen und doch ist es so. Das Bekenntnis kann uns immer wieder daran erinnern: Als Christen gehören wir Gott und es ist so unsere Aufgabe, als seine Heiligen zu leben. Das ist eine täglich sich neu stellende Herausforderung, doch wir müssen sie nicht verdrängen. Mit Gottes Hilfe - und die ist uns zugesagt - ist sie zu schaffen.

Thomas Gerold

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